{"id":227,"date":"2017-11-28T16:14:35","date_gmt":"2017-11-28T16:14:35","guid":{"rendered":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/?page_id=227"},"modified":"2019-04-23T15:28:13","modified_gmt":"2019-04-23T15:28:13","slug":"ein-marchen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/?page_id=227","title":{"rendered":"Ein M\u00e4rchen"},"content":{"rendered":"<p>Ich sitze im Zimmer, betrachte die herbstlichen B\u00e4ume hinter dem Fenster und denke \u00fcber irgend etwas nach. Neben mir greint mein kleiner Sohn.<\/p>\n<p>\u2013 Der Herbst ist da&#8230; \u2013 denke ich mir. \u2013 Der Herbst&#8230;<\/p>\n<p>Der Junge greint. Drau\u00dfen stehen die gelb gewordenen Pappeln. Kein Blatt bewegt sich in der stillen Luft. Die Familie, die neben uns wohnt, kommt vorbei. Sie tragen gro\u00dfe Lederkoffer, legen sie ins Auto und kommen zur\u00fcck, um die Taschen zu holen. Sie reisen jeden Herbst, sperren ihre Wohnung ab, laden die Koffer auf und verschwinden. Sie bleiben zwei, drei Monate weg, die sie im Ausland verbringen. Ein Flugzeug braust ganz niedrig \u00fcber die H\u00e4user hinweg und wackelt mit den Fl\u00fcgeln.<\/p>\n<p>\u2013 Ist schon gut! \u2013 sage ich meinem Jungen. \u2013 Warum h\u00e4ltst du dich nicht an deine Mutter?<\/p>\n<p>Sie sei zur Arbeit.<\/p>\n<p>\u2013 Wenn sie wieder da ist, wende dich an sie \u2013 berate ich ihn. \u2013 Sie wird bald kommen. Zwei Stunden noch.<\/p>\n<p>Es w\u00fcrde zu sp\u00e4t sein. Er aber m\u00f6chte jetzt ein M\u00e4rchen h\u00f6ren.<\/p>\n<p>\u2013 Sch\u00f6n verw\u00f6hnt seid ihr alle \u2013 antworte ich. \u2013 Unbedingt jetzt mu\u00df es sein. Und als wir Kinder waren&#8230;<\/p>\n<p>Der Junge greint beharrlich weiter. Ich aber denke an meine Kindheit zur\u00fcck und an das, was wir einst anstellten. Durch das Fenster dringt der w\u00fcrzige Duft des gelben Laubes. Auch eine Spur Rauch ist dabei. Der Junge greint.<\/p>\n<p>\u2013 Du willst ein M\u00e4rchen h\u00f6ren \u2013 sage ich mit Vorwurf. \u2013 Ich aber wurde einst in einem Koffer gro\u00dfgezogen.<\/p>\n<p>Der junge wird still.<\/p>\n<p>\u2013 In einem Koffer? Das geht doch nicht!<\/p>\n<p>\u2013 Doch \u2013 sage ich ihm, \u2013 in einem Koffer.<\/p>\n<p>\u2013 Ein gro\u00dfer? \u2013 fragt er.<\/p>\n<p>\u2013 Mittelgro\u00df \u2013 antworte ich.<\/p>\n<p>Der Junge denkt nach. Er ist noch sehr klein, wie ein Weizenkorn.<\/p>\n<p>\u2013 Ein Lederkoffer? \u2013 fragt er.<\/p>\n<p>\u2013 Aus Pappe \u2013 antworte ich. \u2013 Der Koffer war aus Pappe. Nur einer hatte in unserem Viertel einen Lederkoffer. Er war ein sehr reicher Mann, hatte eine Kalkgrube. Die Leute meinten aber, dass sein Koffer aus Kunstleder w\u00e4re.<\/p>\n<p>\u2013 Aber wie hat man dich in einem Koffer gro\u00dfgezogen?<\/p>\n<p>\u2013 Wie? Nun, Geld f\u00fcr eine Wiege war nicht da \u2013 antworte ich. \u2013 Das ganze Geld wurde f\u00fcr die beiden Schimmel und zum Trinken ausgegeben.<\/p>\n<p>\u2013 Was f\u00fcr Schimmel? \u2013 fragt der Junge.<\/p>\n<p>\u2013 Mit ihnen wurde ich vom Entbindungsheim nach Hause gefahren. In einer Kutsche mit zwei Schimmeln. Weil ich ein Junge war.<\/p>\n<p>\u2013 Und mit wieviel Schimmeln wurde ich nach Hause gefahren? \u2013 fragt mich der Junge.<\/p>\n<p>\u2013 Dich haben wir mit einem Taxi nach Hause gefahren \u2013 antworte ich ihm. \u2013 Als ich geboren wurde, waren die Zeiten anders. Als die G\u00e4ste mir zu Ehren getrunken hatten, nahmen meine Eltern den Koffer, legten zwei Windeln hinein und mich darauf.<\/p>\n<p>Der Junge zieht seine Augenbrauen zusammen. Das hat er mir abgeguckt. Seine Stirn legt sich in Falten. Er denkt nach.<\/p>\n<p>\u2013 Und konnte man den Koffer abschlie\u00dfen? \u2013 fragt er nach einer Weile.<\/p>\n<p>\u2013 Ja, konnte man. \u2013 Das eine der beiden Schl\u00f6sser war in Ordnung.<\/p>\n<p>\u2013 Und das andere? \u2013 fragt der Junge.<\/p>\n<p>Tja, wie war das noch mit dem anderen? Der Herbst ist da, schaut zum Fenster herein. Die Bl\u00e4tter sind schon braungelb, die Sonne scheint ganz m\u00fcde, und die beiden gelben Quitten, die noch am Baum h\u00e4ngen, leuchten hell.<\/p>\n<p>\u2013 Das andere lie\u00df sich schwer \u00f6ffnen \u2013 erinnere ich mich wieder. \u2013 Beim \u00d6ffnen hemmte es immer.<\/p>\n<p>Ja, das war wirklich so. Ich erinnere mich noch, dass der Koffer im Garten stand, unter dem Weichselbaum, dessen Bl\u00e4tter schon l\u00e4ngst abgefallen waren, und nur in seiner Krone h\u00fcpfte ein Sperling herum. Er hatte nichts zu tun und hackte boshaft auf die Zweige ein.<\/p>\n<p>Neben mir tummelte sich meine Schwester. Sie war mit einer kurzen Leine an den Baum gebunden, um auf mich aufzupassen. Sonst w\u00e4re sie wieder fortgelaufen, um mit den anderen M\u00e4dchen \u201eHimmel und H\u00f6lle\u201c zu spielen. Die Strahlen der milden Herbstsonne liefen \u00fcber mein Gesicht und zwangen mich ab und zu die Augen zu schlie\u00dfen. Meine Schwester stand neben mir, sammelte die herabgefallenen Blatter zu einem H\u00e4uflein. Als sie es satt hatte, guckte sie in den Koffer und begann mir auf die Nase zu dr\u00fccken und mir zuzublinzeln. Ich lag ruhig und l\u00e4chelte ihr zu.<\/p>\n<p>Als ihr auch das langweilig geworden war, sagte meine Schwester:<\/p>\n<p>\u2013 Machen wir den Koffer zu? Willst du?<\/p>\n<p>Und lie\u00df den Deckel fallen. Nun war der Koffer zu, drinnen wurde es ganz dunkel, drau\u00dfen aber sperrte meine Schwester die Schl\u00f6sser ab.<\/p>\n<p>\u2013 Siehst du? \u2013 rief sie. \u2013 Ich habe ihn abgeschlossen. Dann spielte sie um den abgeschlossenen Koffer herum. Als sie ihn aber wieder \u00f6ffnen wollte, hemmte das eine Schlo\u00df. Sie schnaufte vor Anstrengung, knabberte mit ihren Z\u00e4hnen auf dem Schlo\u00df herum, schlug mit einem Holzschuh darauf&#8230; Dann sagte sie mit weinerlicher Stimme:<\/p>\n<p>\u2013 H\u00f6r mal, siehst du den Himmel?<\/p>\n<p>Ich schwieg.<\/p>\n<p>\u2013 Und die Quitten? Siehst du die Quitten? Diese da oben, die gelben?<\/p>\n<p>Ich lag im Koffer und sah nur einen Teil vom Schwanz des Sperlings. Mein Vater hatte mehrere runde L\u00f6cher in den Kofferdeckel gebohrt, um mir das Atmen zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>\u2013 Und siehst du mich? \u2013 fragte meine Schwester. \u2013 Siehst du auch mich nicht?<\/p>\n<p>Ich schwieg und antwortete nicht. Ich konnte noch nicht sprechen.<\/p>\n<p>Meine Schwester setzte sich auf den Koffer und begann zu weinen. Ich h\u00f6rte ihr von innen zu, im Koffer war es ganz dunkel, ich dachte, dass es bereits Nacht war und schlief ein.<\/p>\n<p>Die Stimme meines Vaters weckte mich. Er war von der Arbeit zur\u00fcckgekommen, band meine Schwester los und schalt sie, den Koffer zugesperrt zu haben.<\/p>\n<p>\u2013 So und nun gehen wir auf Besuch \u2013 sagte er danach. \u2013 Zu den Trauzeugen.<\/p>\n<p>Sie wohnten am anderen Ende der Stadt. Die Fahrt zu ihnen war immer sehr interessant. Es begann schon in der Stra\u00dfenbahn.<\/p>\n<p>\u2013 Sie m\u00fcssen auch f\u00fcr den Koffer bezahlen! \u2013 sagte der Schaffner. Und ohne auf Antwort zu warten, trennte er Gep\u00e4ckkarten ab.<\/p>\n<p>\u2013 Das ist noch nicht notwendig \u2013 sagte mein Vater. \u2013 Er ist noch klein.<\/p>\n<p>\u2013 Wie, bitte? \u2013 wunderte sich der Schaffner. \u2013 Ich sehe ihn doch.<\/p>\n<p>\u2013 Von au\u00dfen kann man nichts sehen \u2013 antwortete h\u00f6flich mein Vater. \u2013 Wir m\u00fcssen den Koffer aufmachen.<\/p>\n<p>\u2013 Warum denn aufmachen \u2013 sagte der Schaffner. \u2013 Ich sehe ihn auch so. Er hat das richtige Ma\u00df f\u00fcr eine Gep\u00e4ckkarte.<\/p>\n<p>\u2013 Es gibt aber konkrete Bestimmungen \u2013 sagte dann immer mein Vater. \u2013 Er ist noch klein und darf ohne Karte fahren.<\/p>\n<p>\u2013 Was soll denn der Quatsch? \u2013 regte sich der Schaffner auf. \u2013 Wollen Sie vielleicht warten, bis er w\u00e4chst?<\/p>\n<p>Mein Vater antwortete dann, dass alle seine Bem\u00fchungen dieses Ziel verfolgen.<\/p>\n<p>Der Schaffner dachte immer etwas nach, musterte dann aufmerksam meinen Vater, kam zur Schlu\u00dffolgerung, dass er normal aussieht und steckte ihm die Gep\u00e4ckkarten unter die Nase. Wenn mein Vater feststellte dass sich der Schaffner wirklich zu \u00e4rgern begann, \u00f6ffnete er den Koffer, deutete auf mich und sagte:<\/p>\n<p>\u2013 Sehen Sie ihn doch selbst, sieht er wie ein sechsj\u00e4hriger Junge aus?<\/p>\n<p>Manchmal waren die Schaffner derart verbl\u00fcfft, dass sie ihre Lochzangen fallen lie\u00dfen. Es kam auch vor, dass sie mir leere Fahrkartenblocks schenkten, die ich sofort in den Mund steckte. Es gab aber auch Passagiere, die sich aufregten und meinen Vater vorwurfsvoll fragten, wie er ein Kind im Koffer tragen k\u00f6nne. Es sei unhygienisch und so weiter.<\/p>\n<p>\u2013 Nun, er wurde eben so geboren \u2013 antwortete mein Vater. \u2013 In einem Koffer. Es gibt welche, die im Hemd auf die Welt kommen, meiner aber im Koffer.<\/p>\n<p>An der Endstation stiegen wir aus. Mein Vater kaufte meiner Schwester Puffmais und dann ging es durch den Park, der vor Kinder wimmelte. Wie K\u00e4fer krochen sie \u00fcberall herum. Mein Vater machte den Koffer auf, befreite mich von den Riemen, mit denen ich festgebunden war und lie\u00df mich mit den anderen Kindern spielen. Ich kroch stets auf den Sandkasten zu, setzte mich hinein und wartete, dass meine Schwester eine Sandfigur baute, die ich sofort zerst\u00f6rte. Als ich genug hatte, wurde ich wieder in den Koffer gepackt, festgeschn\u00fcrt un dann ging es zu den Trauzeugen.<\/p>\n<p>Auf der Innenseite des Kofferdeckels stand geschrieben:<\/p>\n<p>\u201eWir bitten alle, die aus Versehen diesen Koffer nehmen, ihn samt Inhalt wieder an folgender Adresse abzuliefern&#8230;\u201c<\/p>\n<p>Dann folgte unsere Adresse. Mein Vater brachte diese Inschrift an, als man uns einmal den Koffer mit mir als Inhalt gestohlen hatte. Als er sich eines Tages Zigaretten kaufte und dem Kioskinhaber erkl\u00e4rte, wo er sich das Hemd gekauft hatte, nahm jemand den abgestellten Koffer mit.<\/p>\n<p>Alle waren aus dem H\u00e4uschen. Vater rannte \u00fcberall herum, um mich zu suchen, hastete durch die Stra\u00dfen, schwor heilige Eide, nie mehr zu rauchen. Er durchst\u00f6berte alle Gesch\u00e4fte, suchte unter den Tischen und mu\u00df furchterregend ausgesehen haben, denn alle Verk\u00e4ufer zogen sich an die W\u00e4nde zur\u00fcck und lie\u00dfen ihn gew\u00e4hren. Schlie\u00dflich kam er auf den gl\u00fccklichen Gedanken, beim Kioskinhaber wieder nachzufragen, von dem er die Zigaretten gekauft hatte. Als ihn der Kioskinhaber sah, tat er sehr erfreut und lie\u00df ihn eintreten. Der Koffer stand drinnen, und ich schlief sorgenlos.<\/p>\n<p>\u2013 Zwei Mann brachten ihn \u2013 sagte der Kioskinhaber. \u2013 Es w\u00e4re nur Spa\u00df gewesen, behaupteten sie, auch, dass sie Bekannte von ihnen w\u00e4ren und dass Sie unbedingt vorbei kommen w\u00fcrden, um den Koffer zu holen.<\/p>\n<p>\u2013 Ja, ja \u2013 sagte mein Vater zerstreut. \u2013 Gr\u00fc\u00dfen Sie die beiden Spa\u00dfv\u00f6gel von mir.<\/p>\n<p>Dann packte er den Koffer und brachte mich nach Hause.<\/p>\n<p>\u2013 Ich glaube, dass es Freunde des Kioskinhabers waren, und nicht von mir \u2013 erkl\u00e4rte er meiner Mutter. \u2013 Und ich wunderte mich, warum er nach meinem Hemd fragte, da er doch dasselbe anhatte.<\/p>\n<p>Daraufhin wurde der Aufruf an die Innenseite des Kofferdeckels angebracht, mit der Bitte, aus Versehen keine fremde Koffer mitzunehmen. Denn schlie\u00dflich w\u00fcrde es angesichts des Inhalts nur zu einer gro\u00dfen Entt\u00e4uschung kommen.<\/p>\n<p>Immer wenn wir bei den Trauzeugen eintrafen, wurden wir schon im Hof von ihren Kindern empfangen. Sie hatten sieben Kinder. Mit gro\u00dfem Hallo packten sie den Koffer, brachten ihn ins Haus, \u00f6ffneten langsam den Deckel. Ich rappelte mich auf und sah mir sie der Reihe nach an. Sie begr\u00fc\u00dften mich mit begeistertem Gekreisch und knifften mir in die Wangen. Das hatten sie den Erwachsenen abgeguckt. Ich war ihr Liebling, und jeder von ihnen wollte mich nat\u00fcrlich kneifen. Nachdem alle sieben dran waren, hatte ich nat\u00fcrlich blaue Wangen.<\/p>\n<p>Vater und die Trauzeugen sa\u00dfen im Hof. Im Schatten einer Laube unterhielten sie sich \u00fcber den morgigen Tag, schmiedeten verschiedene Pl\u00e4ne, die sich immer um uns Kinder drehten.<\/p>\n<p>Wenn es dunkelte, schlo\u00df Vater wieder den Koffer ab, verabschiedete sich und dann ging es wieder nach Hause&#8230;<\/p>\n<p>So hauste ich in meinem Koffer. Im Sommer stand er im Garten. Den ganzen Tag schaute ich auf die Zweige der Kirsche \u00fcber mir, verfolgte das Spiel der Spatzen in ihnen oder bestaunte die Wolken, die langsam vorbeizogen und st\u00e4ndig andere Formen annahmen.<\/p>\n<p>Ich lebte im Himmel. Die Erde sah ich kaum und kannte sie auch nicht. Am Himmel h\u00fcpften die Spatzen herum, am Himmel hingen auch die roten Dachziegeln der Nachbaren und die Wolken. Sp\u00e4ter, im Herbst kamen die Bl\u00e4tter der B\u00e4ume zu mir in den Koffer. Sie waren braun, warm und raschelten leise. Die Bl\u00e4tter fielen herab, drehten sich in der Luft und wurden im Koffer ganz still&#8230;<\/p>\n<p>Ein ganzes Jahr lebte ich im Himmel.<\/p>\n<p>\u2013 Vati \u2013 meldet sich mein Junge.<\/p>\n<p>\u2013 Ich lebte ein ganzes Jahr im Himmel \u2013 sage ich ihm wieder.<\/p>\n<p>Nun lugt derselbe Herbst durchs Fenster herein. In der Luft drehen sich braune Bl\u00e4tter und fallen langsam auf die Erde. Ich sitze im Zimmer und denke nach. Die Nachbarn kommen erneut aus dem Haus und verstauen ihr Taschen auf dem R\u00fccksitz. Dann startet der Wagen und wird zwischen den gelben Pappeln immer kleiner.<\/p>\n<p>Eine Wespe kreist um das Fenster, will ins Zimmer hinein, gibt es dann auf und fliegt davon. Die sp\u00e4te Herbstsonne wirft ihre Strahlen auf die Fensterscheiben. Neben mir sitzt mein kleiner Junge und weint.<\/p>\n<p>Ich blicke ihn an und sage:<\/p>\n<p>\u2013 Ist schon gut. Der Koffer war weder gro\u00df noch klein, aus Pappe&#8230;<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag kommt entsetzt seine Mutter zu mir.<\/p>\n<p>\u2013 Sieh dir das an \u2013 sie zeigt mir unseren gr\u00fcnen Koffer. \u2013 F\u00fcnf L\u00f6cher hat er hineingemacht.<\/p>\n<p>\u2013 Schick ihn zu mir \u2013 sage ich.<\/p>\n<p>\u2013 Nur nicht hauen \u2013 bittet mich seine Mutter. \u2013 Nicht zu fest.<\/p>\n<p>\u2013 Er soll sofort kommen.<\/p>\n<p>Gleich danach kommen alle zu mir \u2013 mein Junge, seine Mutter und der Koffer.<\/p>\n<p>\u2013 So ist das also \u2013 sage ich und blicke ihm streng in die Augen. \u2013 Du machst L\u00f6cher in die Koffer?!<\/p>\n<p>\u2013 Ich mu\u00df doch Luft kriegen \u2013 sagt der Knirps und nun wei\u00df ich Bescheid.<\/p>\n<p>\u2013 Pa\u00dft du wenigstens hinein? \u2013 frage ich ihn.<\/p>\n<p>\u2013 Er ist etwas zu klein, aber es geht doch \u2013 kommt die Antwort. \u2013 Gehen wir?<\/p>\n<p>\u2013 Wohin? \u2013 fragt die Mutter entsetzt. \u2013 Was ist denn euch beiden wieder eingefallen?<\/p>\n<p>\u2013 ln den Park \u2013 antworte ich. \u2013 Wir gehen spazieren.<\/p>\n<p>Der kleine Garten, den wir Park nennen, war voller Kinder. Sie rannten durch die Alleen, w\u00fchlten im Sand, wurden in noblen Kinderwagen aus Aluminium spazieren gefahren.<\/p>\n<p>Als ich den Koffer \u00f6ffnete und mein Junge herauskroch, liefen alle Gartenbesucher zusammen. Er beachtete niemanden und kroch in den Sandkasten. Als er eine Weile gespielt hatte, kam er wieder zu mir, stieg in den Koffer und sagte, dass er zum anderen Gartenende m\u00f6chte, zu den Rutschbahnen. Ich schlo\u00df den Koffer und machte mich auf den Weg. Hinter uns marschierte eine ganze Schar Kinder. Sie waren neugierig und wollten sehen, wie es weitergeht. Aber nichts besonderes geschah. Mein Junge lie\u00df sich von den Kindern auf die Rutschbahn bringen, und unten fing ich ihn auf. Dann stieg er auf die Schildkr\u00f6te, ritt sie eine Weile und kroch wieder in den Koffer.<\/p>\n<p>\u2013 Gehen wir \u2013 sagte er.<\/p>\n<p>Triumphierend verlie\u00dfen wir den Garten. Wir wurden bis zu seinem Ende von Kindern, aber auch von Eltern begleitet.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag kamen noch drei V\u00e4ter mit Koffern in den Garten. Sie schlugen die Deckel zur\u00fcck, Kinder krochen heraus und auf das Alpineum zu. Die V\u00e4ter setzten sich auf die B\u00e4nke und vertieften sich in ihre Zeitungen.<\/p>\n<p>Die blitzenden Kindersportwagen und die eleganten, hohen Babywagen mit Sto\u00dfd\u00e4mpfern, Bremsen, Sonnenschutz und anderem Zubeh\u00f6r versammelten sich und kommentierten hochn\u00e4sig.<\/p>\n<p>Wir mit den Koffern nickten uns bereits ungezwungen zu, wenn wir uns bei den Springbrunnen oder Schaukeln trafen, tauschten unsere Zeitungen aus und boten uns gegenseitig Zigaretten an. Majest\u00e4tisch und voller Verachtung stolzierten die chromblitzenden Kinderwagen an uns vorbei.<\/p>\n<p>Eines Tages, so gegen elf Uhr, schaukelte einer der Luxuswagen zu uns her\u00fcber. In ihm br\u00fcllte w\u00fctend ein Kind.<\/p>\n<p>\u2013 Verzeihung \u2013 sagte die Frau hinter dem Wagen. \u2013 Darf er f\u00fcr einen Augenblick in den Koffer?<\/p>\n<p>\u2013 Aber warum denn nicht \u2013 antwortete ich der Frau. \u2013 Er kann im Koffer sitzen, so lang er will.<\/p>\n<p>\u2013 Er will unbedingt in den Koffer \u2013 erkl\u00e4rte die erboste Mutter. \u2013 Er heult ja wie verr\u00fcckt. Was er an diesem Koffer findet, ist mir schleierhaft&#8230;<\/p>\n<p>Als das Kind im Koffer sa\u00df, h\u00f6rte es sofort mit dem Heulen auf. Es guckte uns mit seinen klaren, blauen Augen an und wartete offensichtlich auf noch etwas. Ich opferte meine Zeitung und machte ihm einen Papierhut, den ich dem Kleinen auf den Kopf st\u00fclpte. Die Mutter war ganz entsetzt. Wahrscheinlich dachte sie an die Millionen Mikroben und Bazillen, die nun vom Koffer und der Zeitung \u00fcber ihr ungl\u00fcckliches Kind herfallen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Das ungl\u00fcckliche Kind aber lachte, fa\u00dfte mit seinen H\u00e4ndchen den Papierhut und zerrte ihn bis auf seine Nase herab. Das konnte die Mutter nicht mehr verdauen. Sie packte den Kleinen und bef\u00f6rderte ihn mit einem gewaltigen Schwung in den Kinderwagen. Das Kind heulte auf, und wir h\u00f6rten noch lange sein Geschrei, das immer leiser wurde.<\/p>\n<p>Nach einigen Tagen sah der Garten wie ein Bahnhof aus. In den Alleen, am kleinen Teich mit den Goldfischen, bei den Rutschbahnen und Schaukeln sah man Eltern mit Koffern in den H\u00e4nden. Die Kinder spielten, lagen in den Koffern, versuchten sie abzuschlie\u00dfen, zerrten sie zum Sandkasten oder auf die Rasenfl\u00e4chen. Zwischen ihnen nahmen sich die chromblitzenden Kinderwagen wie einsame Inseln aus, die sich zwischen den zahlreichen Koffern behutsam ihren Weg suchten.<\/p>\n<p>\u2013 Siehst du nun, was du angestellt hast? \u2013 fragte ich meinen Jungen. \u2013 Durchhauen sollte ich dich, w\u00e4re verdient.<\/p>\n<p>\u2013 Aber es war doch ein M\u00e4rchen \u2013 antwortete er. \u2013 Und die M\u00e4rchen haben doch immer ein gutes Ende.<\/p>\n<p>\u2013 Vorlaut bist du auch noch \u2013 resignierte ich.<\/p>\n<p>Dann steckte ich ihn in den Koffer und brachte ihn nach Hause.<\/p>\n<p>Der kurze Herbsttag ging zu Ende, die Sonne wurde schw\u00e4cher.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sitze im Zimmer, betrachte die herbstlichen B\u00e4ume hinter dem Fenster und denke \u00fcber irgend etwas nach. Neben mir greint mein kleiner Sohn. \u2013 Der Herbst ist da&#8230; \u2013 denke ich mir. \u2013 Der Herbst&#8230; Der Junge greint. Drau\u00dfen stehen die gelb gewordenen Pappeln. Kein Blatt bewegt sich in der stillen Luft. Die Familie, die &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/?page_id=227\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\"> &#8220;Ein M\u00e4rchen&#8221;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":225,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-227","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/227","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=227"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/227\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":614,"href":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/227\/revisions\/614"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/225"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=227"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}