{"id":319,"date":"2017-12-14T15:47:10","date_gmt":"2017-12-14T15:47:10","guid":{"rendered":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/?page_id=319"},"modified":"2019-04-23T15:26:04","modified_gmt":"2019-04-23T15:26:04","slug":"die-meere-ferner-galaxien","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/?page_id=319","title":{"rendered":"Die Meere ferner Galaxien"},"content":{"rendered":"<p>Ein Freund von mir beschlo\u00df eines Tages, ein Loch ins Meer zu bohren.<br \/>\nEr dachte sich das so: Man f\u00e4hrt los, kommt ans Meer, macht dort das Loch, das man braucht, und reist wieder zur\u00fcck. Eine ganz klare und einfache Sache.<\/p>\n<p>F\u00fcr meinen Freund waren die meisten Dinge in dieser Welt klar und einfach.<\/p>\n<p>Manche waren es anfangs nicht, aber sobald er sie mit seinen guten und klugen Augen ansah, wurden die Dinge brav und sogar mit Freuden klar und einfach.<\/p>\n<p>Aber als mein Freund beschlossen hatte, ein Loch ins Meer zu bohren, fanden sich Leute, die sagten, er sei verr\u00fcckt. Ein Loch ins Meer zu bohren sei eine Verr\u00fccktheit.<\/p>\n<p>\u201eWarum?\u201c fragte sie mein Freund. \u201eHaben Sie es \u2019mal getan?\u201c<\/p>\n<p>Es stellte sich heraus, dass sie es nicht getan hatten.<\/p>\n<p>\u201eWoher, wissen Sie dann, dass es eine Verr\u00fccktheit ist?\u201c<\/p>\n<p>Alle Leute sagten so.<\/p>\n<p>\u201eUnd haben die ein Loch ins Meer gebohrt?\u201c<\/p>\n<p>Es stellte sich heraus, dass auch sie es nicht getan hatten.<\/p>\n<p>\u201eHaben sie es wenigstens versucht?\u201c<\/p>\n<p>Es stellte sich heraus, dass sie es auch nicht versucht hatten.<\/p>\n<p>Da entschuldigte sich mein Freund und fragte, wieso dann er verr\u00fcckt w\u00e4re und nicht die anderen. Und \u00fcberhaupt, warum sie die Menschen mit allerlei Reden und Maximen daran hinderten, das zu tun, was sie sich vorgenommen h\u00e4tten. Er w\u00e4re entschlossen, ein Loch ins Meer zu bohren, und w\u00fcrde es auch tun. Au\u00dferdem h\u00e4tte er nicht viel Zeit \u2013 er brauche das Loch jetzt.<\/p>\n<p>Er verabschiedete sich von den Leuten, die sagten, er w\u00e4re verr\u00fcckt, nahm sein Werkzeug und fuhr ans Meer.<\/p>\n<p>Bevor er abreiste, verabschiedete er sich auch von seiner Frau. Sie sagte, dass die anderen Leute in geordneten Verh\u00e4ltnissen lebten, jetzt mit ihren Wagen kreuz und quer durch Bulgarien reisten und sich des Lebens freuten, w\u00e4hrend er ein Loch ins Meer bohren wolle. Er denke sich immer etwas aus, und solange er es nicht getan habe, g\u00e4be er keine Ruhe.<\/p>\n<p>Mein Freund sah sie mit seinen guten und klugen Augen an, aber sie wurde nicht klar und einfach, wie die meisten Dinge, sondern blieb dieselbe. Da sagte er ihr \u201eAuf Wiedersehen\u201c und stieg in den Zug.<\/p>\n<p>Im Zug kn\u00fcpften sich, wie das so \u00fcblich ist, Gespr\u00e4che an \u2013 zuerst \u00fcber das Wetter, dann \u00fcber die Fu\u00dfballspiele, schlie\u00dflich \u00fcber die Au\u00dfenpolitik. Zuletzt begannen die Leute im Abteil zu erz\u00e4hlen, zu welchem Zweck sie reisten. Es zeigte sich, dass alle dienstlich unterwegs waren.<\/p>\n<p>\u201eln welcher Angelegenheit reisen Sie denn?\u201c fragten sie meinen Freund.<\/p>\n<p>\u201eIch will ein Loch ins Meer bohren\u201c, antwortete er.<\/p>\n<p>\u201eAlso nicht dienstlich\u201c, sagten sie und lachten. \u201eWohl ein bi\u00dfchen auf Besuch?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWieso?\u201c erwiderte mein Freund. \u201eIch sage Ihnen doch, dass ich ein Loch ins Meer bohren will.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMeinen Sie das ernst?\u201c, fragten die Leute.<\/p>\n<p>\u201eWarum nicht?\u201c, sagte mein Freund. \u201eNat\u00fcrlich meine ich\u2019s ernst. Da ist mein Werkzeug!\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd Sie wollen ein Loch ins Meer bohren?!?\u201c<\/p>\n<p>\u201eGenau das habe ich vor!\u201c, entgegnete mein Freund. \u201eIch will diese Arbeit erledigen, ehe es zu sp\u00e4t ist. Ich brauche es jetzt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSie brauchen es also jetzt?\u201c fragten die Leute.<\/p>\n<p>\u201eJa, jetzt!\u201c<\/p>\n<p>Die Reisenden sahen sich an und zwinkerten sich zu.<\/p>\n<p>\u201eWird das Loch sehr gro\u00df sein?\u201c interessierten sie sich.<\/p>\n<p>\u201eSo gro\u00df, wie ich es brauche\u201c, erwiderte er. \u201eIch wei\u00df, wie gro\u00df es sein mu\u00df.\u201c<\/p>\n<p>Da begannen die Reisenden, meinen Freund sehr aufmerksam zu betrachten und verlie\u00dfen einer nach dem anderen das Abteil, um eine Zigarette zu rauchen.<\/p>\n<p>Etwas sp\u00e4ter betraten drei Personen mit dem Zugf\u00fchrer an der Spitze das Abteil. Meinem Freund fiel der K\u00f6rperbau der drei auf. Sie erfreuten sich offensichtlich der besten Gesundheit und strotzten vor Kraft.<\/p>\n<p>\u201eFr\u00fcher wurden solche wie Sie f\u00fcr die Garde ausgesucht\u201c, sagte er zu ihnen.<\/p>\n<p>Sie stimmten ihm sofort zu und fragten ihn, ob er in der Garde gedient h\u00e4tte.<\/p>\n<p>\u201eIch war zu klein\u201c, sagte er. \u201eDamals ging ich noch zur Schule.\u201c<\/p>\n<p>Dem stimmten sie wieder sofort zu und fragten, ob die Pl\u00e4tze frei seien.<\/p>\n<p>\u201eEs waren ein paar Leute hier\u201c, antwortete er. \u201eAber ob sie bald wiederkommen, kann ich nicht sagen. Sie gingen in den Gang, um eine Zigarette zu rauchen.\u201c<\/p>\n<p>Die Drei erkl\u00e4rten, die Leute w\u00e4ren an der letzten Station ausgestiegen, was meinem Freund ziemlich sonderbar vorkam, weil ihr Gep\u00e4ck noch im Abteil war.<\/p>\n<p>\u201eDann haben sie ihr Gep\u00e4ck vergessen\u201c, bemerkte mein Freund. \u201eH\u00f6chst zerstreute Menschen.\u201c<\/p>\n<p>Die anderen fragten, ob sie Platz nehmen k\u00f6nnten. Sie k\u00f6nnten, sagte mein Freund, und hoffentlich sei es zum Guten. Die Drei erbla\u00dften etwas und erkundigten sich was er damit meine.<\/p>\n<p>\u201eIch scherze\u201c, antwortete er. \u201eSo sagte man fr\u00fcher, als die Menschen abergl\u00e4ubisch waren.\u201c<\/p>\n<p>Die Drei beruhigten sich sichtlich und fragten ihn, zu welchem Zweck er reise, falls es kein Geheimnis sei.<\/p>\n<p>\u201eIch will ein Loch ins Meer bohren.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIns Meer?!?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIns Meer\u201c, sagte mein Freund.<\/p>\n<p>\u201eHaben Sie denn Werkzeug daf\u00fcr?\u201c fragten sie wieder.<\/p>\n<p>\u201eDa in der Ecke ist es\u201c, erwiderte mein Freund.<\/p>\n<p>\u201eGutes Werkzeug!\u201c sagten die anderen. \u201eWieviel Zeit werden Sie dazu brauchen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch werde zusehen, dass es schnellstens geht. Ich brauche das Loch jetzt.\u201c<\/p>\n<p>Da sah einer auf seine Uhr und sagte mit unnat\u00fcrlicher Stimme:<\/p>\n<p>\u201eEs ist vier Uhr!\u201c<\/p>\n<p>Obwohl es schon acht war.<\/p>\n<p>Gleichzeitig st\u00fcrzten sich alle auf meinen Freund, bogen ihm die Arme nach hinten, banden ihn und forderten ihn auf, ins Abteil des Zugf\u00fchrers mitzukommen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Bahnhof setzten sie ihn aus dem Zug und schickten ihn nach Sofia zur\u00fcck zur Untersuchung.<\/p>\n<p>Dort wiederholte sich die Geschichte.<\/p>\n<p>\u201eAlso ins Meer?\u201c fragte der Arzt.<\/p>\n<p>\u201eIns Meer!\u201c erwiderte mein Freund ruhig, blickte den Arzt mit seinen guten Augen an und wunderte sich, warum sich jeder wunderte, dem er das sagte.<\/p>\n<p>\u201eEin Loch?\u201c fragte der Arzt.<\/p>\n<p>\u201eEin Loch\u201c, antwortete mein Freund.<\/p>\n<p>Der Arzt fragte ihn noch, wer er sei und ob er nicht zuf\u00e4llig John Gerstenkorn. Nebukadnezar, Kleopatra oder der \u00e4gyptische Pharao Ramses III. w\u00e4re.<\/p>\n<p>\u201eSie sind wohl verr\u00fcckt?\u201c sagte mein Freund. \u201eWas reden Sie da von einem Pharao? Sehen Sie nicht, was in meinem Pa\u00df steht?\u201c<\/p>\n<p>Da waren die Leute von der psychiatrischen Abteilung gekr\u00e4nkt und sagten, nicht sie, sondern er w\u00e4re verr\u00fcckt.<\/p>\n<p>\u201eWarum?\u201c fragte mein Freund. \u201eWeil ich ein Loch ins Meer bohren will? Und Sie? Haben Sie es jemals gewollt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein!\u201c antworteten die Leute.<\/p>\n<p>\u201eUnd warum bin ich dann verr\u00fcckt, und nicht Sie?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWeil es eine Verr\u00fccktheit ist, ein Loch ins Meer zu bohren. So etwas ist unm\u00f6glich!\u201c<\/p>\n<p>Mein Freund fragte sie, ob sie einmal versucht h\u00e4tten, ein Loch ins Meer zu bohren. Oder etwas zu tun, von dem man wei\u00df, dass es eine Verr\u00fccktheit und unm\u00f6glich ist. Sie antworteten ihm, dass sie es nicht versucht h\u00e4tten, und dass sie nicht verr\u00fcckt seien, obwohl sie im Irrenhaus arbeiteten.<\/p>\n<p>\u201eAber haben Sie niemals, niemals so etwas versucht?\u201c fragte er sie.<\/p>\n<p>\u201eNiemals, niemals!\u201c antworteten sie.<\/p>\n<p>Mein Freund bedauerte sie, und sie bedauerten ihn, er dachte, dass diese Menschen sehr ungl\u00fccklich w\u00e4ren, und sie dachten, dass er sehr ungl\u00fccklich w\u00e4re, er war bestrebt, ihr Ungl\u00fcck zu lindern, und sie waren bestrebt, sein Ungl\u00fcck zu lindern.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich nahm mein Freund seinWerkzeug, verabschiedete sich von den Leuten und ging. Ich erinnere mich, dass er direkt zu mir kam und mir die ganze Geschichte erz\u00e4hlte.<\/p>\n<p>Sie verhinderten, dass mein Freund ein Loch ins Meer bohrte. Diese Menschen, die niemals den Wunsch gehabt hatten, etwas zu tun, von dem man wei\u00df, dass es unm\u00f6glich und eine Verr\u00fccktheit ist.<\/p>\n<p>Aber mein Freund machte das Loch. Er nahm sein Werkzeug, fuhr ans Meer und tat es. Er hat es nur mir gesagt, weil er bereits wei\u00df, wie die Menschen sind. Und weil wir uns gut kennen.<\/p>\n<p>Und jetzt hat das Meer ein Loch. Das Loch ist da, und die Menschheit erkl\u00e4rt die, die sagen, dass sie ein Loch ins Meer bohren wollen, immer noch f\u00fcr verr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Die Menschheit mag sie f\u00fcr verr\u00fcckt erkl\u00e4ren, ich aber wei\u00df, dass die anderen Planeten als erste Verr\u00fcckte betreten werden. Sie werden auf ihrer Oberfl\u00e4che und in ihren Kratern umherspazieren, werden der Sonne ins Gesicht blicken und mit den dortigen Einwohnern sprechen, die seltsam und vielleicht verr\u00fcckt sein werden.<\/p>\n<p>Und dann werden sie ihr Werkzeug nehmen und sich aufmachen, um L\u00f6cher in die Meere ferner Galaxien zu bohren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Freund von mir beschlo\u00df eines Tages, ein Loch ins Meer zu bohren. Er dachte sich das so: Man f\u00e4hrt los, kommt ans Meer, macht dort das Loch, das man braucht, und reist wieder zur\u00fcck. Eine ganz klare und einfache Sache. F\u00fcr meinen Freund waren die meisten Dinge in dieser Welt klar und einfach. 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