{"id":393,"date":"2017-12-23T16:20:51","date_gmt":"2017-12-23T16:20:51","guid":{"rendered":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/?page_id=393"},"modified":"2019-04-23T15:29:51","modified_gmt":"2019-04-23T15:29:51","slug":"kirschendiebe","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/?page_id=393","title":{"rendered":"Kirschendiebe"},"content":{"rendered":"<p>Die Kirschen waren reif, und wir zogen los, um im Hof des Eisenbahners Kirschen zu stehlen.<\/p>\n<p>Es war dunkel, am Himmel standen Sterne, aber kein Mond. Wer wei\u00df, wohin der Mond manchmal geht, dass er die ganze Nacht nicht da ist. Gurko versp\u00e4tete sich wie immer, und wir mussten eine halbe Stunde auf ihn warten. Sicher hatten sie ihn zu Hause gezwungen, in der Werkstatt zu helfen, und er hobelte jetzt an einem Brett.<\/p>\n<p>\u201eSein Vater baut ein Bienenhaus in drei Tagen\u201c, sagte Toni. \u201eMit T\u00fcrchen, mit kleinen Brettchen zum Landen und allem. Am vierten Tag streicht er es an, und fertig.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMir hat Gurko erz\u00e4hlt, dass sein Vater ein Bienenhaus in sechs Stunden bauen kann\u201c, bemerkte ich. \u201eMit einer halben Stunde Mittagspause.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas glaube ich nicht\u201c, sagte Toni \u00fcberzeugt. \u201eWenn er es kann, warum macht er\u2019s nicht?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWeil das den Preis dr\u00fccken w\u00fcrde\u201c, erkl\u00e4rte ich ihm. \u201eEs ist was anderes, wenn du sagst, du hast dich f\u00fcnf Tage damit herumgeplagt. Dann kannst du mehr nehmen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eVielleicht hast du recht\u201c, gab Toni nach. \u201eSein Vater versteht mehr davon als wir.\u201c<\/p>\n<p>Auf der Stra\u00dfe war es dunkel und warm, nur vor dem Laden von Koljo dem Barbier leuchtete schwach die Stra\u00dfenlaterne. Die anderen Laternen waren nicht vorhanden \u2013 wir hatten ihnen l\u00e4ngst mit unseren Schleudern den Garaus gemacht.<\/p>\n<p>Wir h\u00e4tten auch diese nicht ausgelassen, aber bisher war der Kelch an ihr vor\u00fcbergegangen \u2013 jedesmal, wenn wir uns an sie erinnerten, kam uns etwas Wichtigeres dazwischen. Wie jetzt zum Beispiel: Kirschen stiebitzen war hundertmal interessanter als eine Laterne zertr\u00fcmmern, obwohl auch das eines Tages passieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Seit dem Diebstahl der gro\u00dfen Salami, die dann nur eine Attrappe voller Hobelsp\u00e4ne gewesen war, hatten wir eigentlich geschworen, so etwas nicht mehr zu tun.<\/p>\n<p>Aber die Kirschen waren etwas ganz anderes. Erstens waren sic in unserer Stra\u00dfe gewachsen und reif geworden, und damit hatten wir ein Recht auf sie. Wenn wir sie nicht nahmen, w\u00fcrden sie den Kindern von der Blumenstra\u00dfe in die H\u00e4nde fallen, und die w\u00fcrden dabei alles im Hof zertrampeln. Au\u00dferdem konnte bei Kirschen nichts schiefgehen, man wusste, dass sie nicht mit Hobelsp\u00e4nen gef\u00fcllt waren, man wusste, auf welchem Weg man an sic herankam, man wusste, wann sie am besten schmeckten&#8230;<\/p>\n<p>Mit den Kirschen war alles einfach.<\/p>\n<p>Vom oberen Ende der Stra\u00dfe ert\u00f6nte ein Pfiff, kurz darauf war Gurko schnaufend und keuchend bei uns angelangt.<\/p>\n<p>\u201eMir reicht\u2019s mit diesen Bienenh\u00e4usern!\u201c sagte Toni zu ihm. \u201eWollt ihr vielleicht Suppe daraus kochen? Bis jetzt habt ihr eine Million Bienenh\u00e4user gebaut. Meinst du vielleicht, dass es in Bulgarien eine Million Bienen gibt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eVielleicht\u201c, sagte ich. \u201eMan kann es nicht wissen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, du hast sie gez\u00e4hlt!\u201c brauste Toni auf. \u201eEine nach der anderen, mit dem Rechenbrett!\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs wird kein Bienenhaus!\u201c sagte Gurko triumphierend. \u201eWas ganz anderes!\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas denn?\u201c fragten Toni und ich wie aus einem Mund.<\/p>\n<p>\u201eWenn es fertig ist, werdet ihr\u2019s sehen\u201c, antwortete Gurko ausweichend. \u201eAber es ist noch nicht fertig.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd so was nennt sich Freund!\u201c sagte Toni. \u201eWir warten hier \u2019ne halbe Stunde, und er druckst rum und will seinen Freunden nicht sagen, was er in der Werkstatt gemacht hat.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWirklich ein sch\u00f6ner Freund!\u201c Ich f\u00fchlte mich auch gekr\u00e4nkt. Gurko kratzte sich den Kopf und schaute uns an, um zu pr\u00fcfen, ob wir es ernst meinten. \u201eGut, ich werd\u2019s euch sagen. Wir bauen eine Karosse.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas?\u201c fragten wir zweifelnd.<\/p>\n<p>\u201eEine Karosse! Wisst ihr nicht, was \u2019ne Karosse ist?\u201c<\/p>\n<p>\u201eBist du vielleicht betrunken?\u201c fragte Toni misstrauisch. \u201eDu wei\u00dft wohl nicht, was du sagst?\u201c<\/p>\n<p>\u201eBin ich nicht\u201c, sagte Gurko. \u201eWarum?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWozu wollt ihr denn Karossen bauen? Bei Bienenh\u00e4usern ist die Sache klar, aber Karossen? Sag blo\u00df, dass einer mit \u2019ner Karosse zur Arbeit f\u00e4hrt. Die Leute lachen sich ja kaputt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSie werden sie die Stra\u00dfenbahnlinie langfahren lassen\u201c, f\u00fcgte ich hinzu. \u201eUnd Fahrgeld verlangen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas versteht ihr schon von Karossen\u201c, sagte Gurko.<\/p>\n<p>\u201eWenn du es so genau wei\u00dft, dann sag doch, wozu ihr die Karosse baut! Wollt ihr damit nach Bankja fahren?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWir bauen sie f\u00fcrs Museum\u201c, sagte Gurko l\u00e4ssig. \u201eFr\u00fcher gab es mal solche, und wir bauen sie genauso. Nach Zeichnung.\u201c<\/p>\n<p>Wir \u00e4rgerten uns, weil Gurko wie ein Professor redete, und fragten ihn: \u201eGehn wir jetzt Kirschen holen oder nicht?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWieso nicht? Deswegen sind wir doch hier.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAlso los\u201c, sagte ich, \u201esonst wird\u2019s zu sp\u00e4t.\u201c<\/p>\n<p>Wir gingen in Tonis Hof und kletterten von dort aus \u00fcber die Z\u00e4une. Wir hatten schon den Hof des Eisenbahners erreicht, als Toni, der voranging, fluchend stehenblieb.<\/p>\n<p>\u201eWas ist los?\u201c fl\u00fcsterte Gurko. \u201eBrennnesseln?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSie haben die Latte festgenagelt\u201c, antwortete Toni ebenso leise. \u201eDie wir losgemacht hatten, damit wir durchk\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDiese bl\u00f6den Kr\u00e4mer\u201c, sagte ich. \u201eSie haben sie festgemacht, damit ihnen die H\u00fchner nicht weglaufen. So knickrig sind die.\u201c<\/p>\n<p>Die Leute waren wirklich knickrig, obwohl sie tats\u00e4chlich fr\u00fcher mal Kr\u00e4mer gewesen waren und die Leute kr\u00e4ftig \u00fcbers Ohr gehauen hatten. St\u00e4ndig liefen ihnen die H\u00fchner weg, und sie suchten sie in den H\u00f6fen der ganzen Stra\u00dfe, wobei sie sich verguckten und von jeder zweiten Henne behaupteten, es sei ihre. Und jetzt hatten sie die Latte festgenagelt, die wir vor zwei Tagen gelockert hatten, um in den Hof des Eisenbahners zu gelangen.<\/p>\n<p>\u201eWas hilft\u2019s\u201c, sagte Toni. \u201eWir m\u00fcssen \u00fcber den Zaun.\u201c<\/p>\n<p>Wir kletterten in den Hof des Eisenbahners und sprangen in stachliges Geb\u00fcsch, wir bekamen Kratzer, schwiegen aber, denn wer keine Kratzer bekommen und nicht von Z\u00e4unen springen will, der soll sich seine Kirschen auf dem Markt kaufen.<\/p>\n<p>Dann krochen wir aus dem Geb\u00fcsch, blieben stehen und sahen uns um. Im Dunkeln leuchtete das Schlafzimmerfenster. Kurz darauf erlosch das Licht, und das K\u00fcchenfenster wurde hell. Wir konnten die Frau des Eisenbahners sehen, sie stand mit dem R\u00fccken zum Fenster und k\u00e4mmte sich das Haar. Sie hatte langes, blondes Haar, das sie nie ondulierte, und wenn die Sonne darauf schien, schimmerte es wie Glimmer.<\/p>\n<p>Sie k\u00e4mmte sich lange, dann verschwand sie vom Fenster, aber das Licht brannte weiter. Wir mussten warten, bis sie zu Bett ging, sonst w\u00fcrde sie uns sehen. Also krochen wir ins Geb\u00fcsch zur\u00fcck und legten uns hin.<\/p>\n<p>Im Hof war es dunkel und warm, es duftete nach Pfingstrosen und Flieder. Die Sterne waren am Himmel weitergewandert, und wir unterhielten uns \u00fcber den Eisenbahner.<\/p>\n<p>\u201eDer hat\u2019s gut\u201c, sagte Gurko. \u201eEr hat \u2019ne Uniform, er hat Freifahrscheine und kann reisen, wohin er will.\u201c<\/p>\n<p>\u201eGenau\u201c, sagte Toni. \u201eWenn er Lust hat, f\u00e4hrt er nach Warna oder nach Plowdiw oder nach Burgas. Er sitzt im Abteil, und die Bahnh\u00f6fe, die H\u00e4user, die Felder fliegen vor\u00fcber. Das ist ein Leben!\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa\u201c, stimmte ich zu. \u201eMan reist wochenlang hin und her, jetzt ist man in einer Stadt, nach drei Stunden in der n\u00e4chsten und abends wieder ganz woanders. Was du da siehst, das kriegt ein anderer das ganze Jahr nicht zu sehen. Wir sitzen hier in diesem Hof, und er f\u00e4hrt wer wei\u00df wohin&#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch bin mal nach Pernik gefahren\u201c, erz\u00e4hlte Gurko. \u201eWir haben auf zweiundf\u00fcnfzig Bahnh\u00f6fen gehalten.\u201c<\/p>\n<p>\u201eBis Pernik ist es nicht weit, da gibt es keine zweiundf\u00fcnfzig Bahnh\u00f6fe\u201c, bemerkte Toni. \u201eAber der Eisenbahner f\u00e4hrt jetzt vielleicht nach Russe. Warst du schon in Russe?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein\u201c, antwortete Gurko bedauernd.<\/p>\n<p>\u201eDas ist an der Donau!\u201c sagte Toni. \u201eMan f\u00e4hrt die ganze Nacht, und am n\u00e4chsten Morgen ist man da.\u201c<\/p>\n<p>Gurko \u00f6ffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber er konnte nicht, denn in diesem Augenblick ging das Tor zur Stra\u00dfe auf, und ein Mann betrat den Hof. Er ging auf das Haus zu.<\/p>\n<p>\u201eDer Eisenbahner!\u201c fl\u00fcsterte Toni. \u201eJetzt sind wir angeschmiert.\u201c<\/p>\n<p>\u201eKommt, wir verdr\u00fccken uns!\u201c schlug Gurko vor. \u201eDer Eisenbahner sitzt gerne im Hof. Wenn er rauskommt, sieht er uns.\u201c \u201eWarten wir, bis er reingegangen ist, dann hauen wir durchs Tor ab\u201c, sagte ich.<\/p>\n<p>So machten wir es auch. Wir dr\u00fcckten uns ins Geb\u00fcsch und beobachteten, wann der Eisenbahner das Haus betreten w\u00fcrde, damit wir verschwinden konnten.<\/p>\n<p>Aber er blieb an der T\u00fcr stehen und klopfte. Die T\u00fcr \u00f6ffnete sich sofort, und auf der Schwelle erschien die Frau mit dem blonden Haar. Sie fasste den Mann an den H\u00e4nden. Das Licht fiel auf die beiden, und wir sahen, dass der Mann gar nicht der Eisenbahner war.<\/p>\n<p>Die Frau zog ihn an sich, sie gingen ins Haus, und die T\u00fcr schloss sich.<\/p>\n<p>Wir schwiegen. Die Sterne waren weit weg gewandert, im Hof duftete es nach Pfingstrosen und Flieder. Zehn Schritt von uns entfernt waren die reifen Kirschen.<\/p>\n<p>\u201eDas war nicht der Eisenbahner!\u201c sagte Gurko nachdenklich. \u201eNat\u00fcrlich nicht!\u201c sagte Toni leise. \u201eEs war ein anderer.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJetzt f\u00e4hrt der Eisenbahner vielleicht nach Russe\u201c, sagte ich. \u201eDie ganze Nacht durch.\u201c<\/p>\n<p>Das K\u00fcchenfenster wurde dunkel, und eine Sekunde sp\u00e4ter ging im Schlafzimmer das Licht an. Der Wind raschelte im Geb\u00fcsch \u00fcber uns, in der Ferne pfiff ein Zug.<\/p>\n<p>\u201eIch schlag ihr die Fenster ein!\u201c sagte Toni. \u201eSalz mach ich ihr daraus. Jetzt gleich!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie Fenster geh\u00f6ren auch dem Eisenbahner\u201c, erinnerte ich ihn. \u201eDann rei\u00dfen wir die Rosen und die Blumen im Garten aus\u201c, schlug Gurko vor. \u201eUnd zertrampeln alles.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie Blumen geh\u00f6ren auch dem Eisenbahner\u201c, sagte Toni. \u201eErsitzt so gerne im Garten.\u201c<\/p>\n<p>Wir schwiegen hilflos und w\u00fctend. Zehn Schritt weiter waren die reifen Kirschen. Es duftete nach Blumen und nach Wind, er kam von weit her und trug das Aroma aller Orte mit sich, die er besucht hatte.<\/p>\n<p>Das Licht hinter dem Schlafzimmerfenster verlosch.<\/p>\n<p>In der dunklen Nacht standen wir drei Kirschendiebe, die Sterne waren unendlich weit weg, wir waren w\u00fctend und hilflos.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>\u00dcbersetzt von Barbara Sparing<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kirschen waren reif, und wir zogen los, um im Hof des Eisenbahners Kirschen zu stehlen. Es war dunkel, am Himmel standen Sterne, aber kein Mond. Wer wei\u00df, wohin der Mond manchmal geht, dass er die ganze Nacht nicht da ist. 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