{"id":401,"date":"2017-12-31T09:28:30","date_gmt":"2017-12-31T09:28:30","guid":{"rendered":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/?page_id=401"},"modified":"2019-04-23T15:28:53","modified_gmt":"2019-04-23T15:28:53","slug":"jeden-abend-ein-tiger","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/?page_id=401","title":{"rendered":"Jeden Abend ein Tiger"},"content":{"rendered":"<p>Der Tiger war orangefarben und schwarz gestreift. Sachte schritt er durch das von der Sonne versengte Gras. Geschmeidig schl\u00e4ngelte er sich zwischen den B\u00e4umen hindurch und lie\u00df sich wie ein z\u00e4rtliches K\u00e4tzchen von den Gr\u00e4sern liebkosten, w\u00e4hrend in seinen Augen gef\u00e4hrliche gr\u00fcne Flammen tanzten.<\/p>\n<p>Unerbittlich sch\u00fcttelte er sein Haupt mit den riesigen, furchterregenden Kiefern, und dort, wohin sein Blick fiel, war augenblicklich alles ver\u00f6det. Jegliches Leben erstarb, das Gras h\u00f6rte auf zu wachsen, das Wasser stand pl\u00f6tzlich still, als h\u00e4tte seit der Erschaffung der Welt bis zu diesem Augenblick nichts gelebt, nichts existiert.<\/p>\n<p>Das schwarze Dreieck von Kimme und Korn lie\u00df sich leicht wie ein Schmetterling auf dem Haupt des Tigers nieder.<\/p>\n<p>\u201eSoweit, so gut!\u201c dachte Anton Serafimow mit angehaltenem Atem und dr\u00fcckte das Gewehr bed\u00e4chtig an die Schulter.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich lie\u00dfen sich rechterhand rasche abgehackte Trommelschl\u00e4ge vernehmen.<\/p>\n<p>\u201eSie werden das Tier aufscheuchen\u201c, dachte Anton Serafimow bei sich und warf einen fl\u00fcchtigen Blick nach rechts, woher das Trommeln kam.<\/p>\n<p>\u201eNicht ablenken lassen!\u201c sagte er sich. \u201eWenn man einen Tiger erlegen will, darf man sich nicht ablenken lassen. Wenn der Tiger merkt, dass die Aufmerksamkeit nachl\u00e4sst&#8230;\u201c<\/p>\n<p>Doch der Tiger merkte nichts. Er schien die Trommelschl\u00e4ge nicht zu h\u00f6ren und lief leicht und biegsam zwischen den B\u00e4umen weiter. Das schwarze Dreieck des Visiers zeigte nun mitten auf die Stirn des Tigers.<\/p>\n<p>\u201eDas ist der Moment!\u201c sagte sich Anton Serafimow und wollte gerade auf den Abzug dr\u00fccken.<\/p>\n<p>\u201eHerr Serafimow!\u201c sagte der Tiger v\u00f6llig unerwartet. \u201eWarum wollen Sie mich t\u00f6ten?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas wei\u00dft du nicht?\u201c fragte Anton ironisch. \u201eStell dich doch nicht so an!\u201c<\/p>\n<p>\u201eHerr Serafimow!\u201c sagte der Tiger pathetisch. \u201eHerr Serafimow!\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas soll das \u201eHerr Serafimow\u201c?\u201c fragte Anton. \u201eWenn ihr Unannehmlichkeiten habt und in der Klemme sitzt, schreit ihr alle \u201eHerr Serafimow\u201c.<\/p>\n<p>Der Tiger sch\u00fcttelte den Kopf.<\/p>\n<p>\u201eMan hat dich hereingelegt, Anton\u201c, sagte er betr\u00fcbt. \u201eMan hat mich verleumdet. Es gibt b\u00f6se Menschen, Anton.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNicht wahr?\u201c sagte Anton Serafimow. \u201eAber du geh\u00f6rst nat\u00fcrlich nicht zu denen, du bist der reinste Engel.\u201c<\/p>\n<p>Der Tiger sch\u00fcttelte verzweifelt den Kopf, blickte Anton Serafimow mit unerwartet reinen Augen an und sagte mit hoffnungsvoller Stimme:<\/p>\n<p>\u201eGlaubst du mir nicht? Ich kann es beschw\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNicht n\u00f6tig\u201c, meinte Anton Serafimow kalt. \u201eSchw\u00fcre sind nicht n\u00f6tig.\u201c<\/p>\n<p>Der Tiger seufzte, blickte zum Himmel auf, als wolle er ihn zum Zeugen anrufen, um schlie\u00dflich Anton zu verurteilen.<\/p>\n<p>\u201eSo schie\u00df doch!\u201c sagte er. \u201eWenn es dir nichts ausmacht, einen Unschuldigen auf dem Gewissen zu haben&#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df was ich zu tun habe\u201c, beruhigte ihn Anton. \u201eDu glaubst doch nicht etwa, dass mir das Gewehr aus der Hand f\u00e4llt und dass ich mit Tr\u00e4nen in den Augen losst\u00fcrzen werde, um dich zu umarmen.\u201c Er dr\u00fcckte das Gewehr fest an sich, zielte noch einmal genau auf das Kleinhirn des Tigers, und sein Finger am Abzug kr\u00fcmmte sich langsam.<\/p>\n<p>\u201eIns Kleinhirn?\u201c fragte der Tiger.<\/p>\n<p>\u201eJa\u201c, entgegnete Anton Serafimow.<\/p>\n<p>\u201eImmer zielst du dorthin\u201c, seufzte der Tiger und erstarrte.<\/p>\n<p>Anton Serafimows Finger glitt \u00fcber den Abzug, hielt inne und&#8230;<\/p>\n<p>\u201eNein, Anton, nein!\u201c br\u00fcllte der Tiger. \u201eTu es nicht!\u201c<\/p>\n<p>\u201eNun reicht\u2019s aber!\u201c rief Anton Serafimow \u00fcberdr\u00fcssig. \u201eWir wollen doch nicht den ganzen Abend damit verlieren.\u201c<\/p>\n<p>\u201eHerr Serafimow!\u201c sagte der Tiger mit einem Unterton in der Stimme. \u201e\u00dcberlegen Sie gut, ob der Augenblick g\u00fcnstig ist. Sie wissen, dass das Kombinat&#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201eNicht bewegen!\u201c erwiderte Anton Serafimow mit eisiger Stimme. \u201eGenau jetzt ist der richtige Augenblick. Du willst doch nicht etwa, dass ich dich morgen, auf der Sitzung vor allen&#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber ich bin unschuldig!\u201c rief der Tiger aus.<\/p>\n<p>\u201eDu?\u201c entgegnete Anton Serafimow. \u201eDu bist nicht unschuldig, du bist ein Usurpator. Nachdem du Petrow angeschw\u00e4rzt hattest und er entlassen wurde, wurdest du&#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie Sache war die&#8230;\u201c begann der Tiger.<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df, wie die Dinge liegen\u201c, schnitt Anton Serafimow ihm das Wort ab. \u201eAlles spielte sich vor meinen Augen ab. Nicht bewegen, habe ich gesagt&#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201eSerafimow! Dr\u00fcck\u2019 dich genauer aus!\u201c<\/p>\n<p>Anton Serafimow lachte nerv\u00f6s.<\/p>\n<p>\u201eDu vertr\u00e4gst keine Kritik, dabei bist du ein unf\u00e4higer Betriebsleiter, man sollte dich nicht nur kritisieren, sondern dir t\u00fcchtig auf die Finger klopfen. Warum wirfst du die raus, die dir auf die Schliche kommen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eHm\u201c, meinte der Tiger.<\/p>\n<p>\u201eDu vergisst dich. Leute, die eine andere Meinung haben als du, kannst du nicht ausstehen. Ganz egal, worum es geht. Wer nicht denkt wie du, wer nicht mit dir einverstanden ist, hat unrecht, der ist gegen die Zukunft des Betriebes, so ist es doch?\u201c<\/p>\n<p>Der Tiger leckte sich mit seiner gro\u00dfen roten Zunge.<\/p>\n<p>\u201eUnd der wegen deiner Auslandsreise aufgeflogene Plan? Und die importierten defekten Flie\u00dfb\u00e4nder! Sie waren veraltet, noch bevor du sie gekauft hattest.\u201c<\/p>\n<p>Die Barthaare des Tigers zuckten nerv\u00f6s.<\/p>\n<p>\u201eUnd \u00fcberhaupt, warum mischst du dich in Dinge ein, von denen du nichts verstehst? Warum kaufst ausgerechnet du Maschinen? Warum machst du deine Italienreise nicht auf eigene Kosten?\u201c<\/p>\n<p>\u201eH\u00f6ren Sie zu, Serafimow&#8230;\u201c<\/p>\n<p>Doch Anton Serafimow, wollte nichts h\u00f6ren. Er sprach abgehackt, klar und logisch, rief ihm sein Verhalten, die Entlassungen und Sanktionen in Erinnerung, sagte, das alles gehe zu Lasten des Staates und schleuderte dem Tiger seine Anschuldigungen unumwunden in die furchterregenden gr\u00fcnen Augen. Und sie knallten wie Sch\u00fcsse. In diesem Augenblick war Anton Serafimow regelrecht sch\u00f6n, er spr\u00fchte vor Eifer, und alles, was er sagte, war die reine Wahrheit.<\/p>\n<p>Der Tiger zuckte mit keiner Wimper, stand angespannt da, ohne ein Glied zu r\u00fchren.<\/p>\n<p>\u201eDu hast wohl gedacht, ich werde immer schweigen, was?\u201c sagte Anton Serafimow schlie\u00dflich. \u201eDeinen Unversch\u00e4mtheiten stillschweigend zusehen?&#8230;\u201c<\/p>\n<p>Er zielte genau auf das Herz des Tigers.<\/p>\n<p>\u201eHerr Ser&#8230;\u201c versuchte der Tiger auszurufen, doch das waren seine letzten Worte. Der orangefarbene Tiger fiel auf den R\u00fccken und streckte die Beine in die H\u00f6he.<\/p>\n<p>\u201eSo!\u201c sagte sich Serafimow zufrieden und strich noch einen Namen in seinem Notizbuch durch. \u201eDem habe ich es auch gegeben\u201c.<\/p>\n<p>Befriedigt richtete er sich auf.<\/p>\n<p>\u201eNoch ein Gewehr?\u201c fragte die Frau in der Schie\u00dfbude.<\/p>\n<p>\u201eNein\u201c, entgegnete Anton Serafimow, \u201enicht n\u00f6tig.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDer Tiger heute Abend hatte es in sich\u201c, sagte die Frau.<\/p>\n<p>\u201eJa\u201c, meinte Anton Serafimow bescheiden. \u201eEr war nicht \u00fcbel.\u201c<\/p>\n<p>Er gab ihr die \u00fcblichen f\u00fcnfzig Stotinki und ging den Parkweg entlang.<\/p>\n<p>Tags\u00fcber arbeitete Anton Serafimow als stellvertretender Hauptbuchhalter im gr\u00f6\u00dften Werk der Kleinstadt. Nie hatte jemand ihn auf Direktionssitzungen oder auf Versammlungen reden geh\u00f6rt. Stets war er mit allem einverstanden, und die Leute hielten ihn f\u00fcr einen vern\u00fcnftigen Menschen.<\/p>\n<p>Den Tag verbrachte Anton Serafimow im Dienst, abends schoss er.<\/p>\n<p>Er erlegte Tiger.<\/p>\n<p>Jeden Abend einen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>\u00dcbersetzt von Martina Iwanowa<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Tiger war orangefarben und schwarz gestreift. Sachte schritt er durch das von der Sonne versengte Gras. Geschmeidig schl\u00e4ngelte er sich zwischen den B\u00e4umen hindurch und lie\u00df sich wie ein z\u00e4rtliches K\u00e4tzchen von den Gr\u00e4sern liebkosten, w\u00e4hrend in seinen Augen gef\u00e4hrliche gr\u00fcne Flammen tanzten. 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