{"id":507,"date":"2018-12-26T05:19:30","date_gmt":"2018-12-26T05:19:30","guid":{"rendered":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/?page_id=507"},"modified":"2019-04-23T15:22:39","modified_gmt":"2019-04-23T15:22:39","slug":"die-einsamen-windmuhlen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/?page_id=507","title":{"rendered":"Die einsamen Windm\u00fchlen"},"content":{"rendered":"<p>Der Sommer ging zu Ende. Es war August, und meine Mutter rollte Nudel\u00adteig aus. Als sie damit fertig war, brachte sie ihn hinaus, breitete auf dem Hof ein Bettlaken aus und legte den Teig in die Sonne, damit er trockne.<\/p>\n<p>Die gelben Teigbl\u00e4tter gl\u00e4nzten im Licht, saugten die Sonne auf und began\u00adnen langsam, sich zusammenzurollen und zu zerplatzen.<\/p>\n<p>Der Teig trocknete, und ich stand unter dem Kirschbaum, hielt eine lange Stange in den H\u00e4nden und h\u00fctete den Teig vor den Katzen und V\u00f6geln.<\/p>\n<p>V\u00f6gel und Katzen haben Nudelteig sehr gern. Sie warteten nur darauf, dass ich wegschauen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Meine Mutter ging auf den Markt, Eink\u00e4ufe machen, und befahl mir, auf den Nudelteig aufzupassen. Sonst w\u00fcrde ich nie ein gro\u00dfer Mann werden, sagte sie. Alle gro\u00dfen M\u00e4nner sind immer sehr aufmerksam.<\/p>\n<p>\u201eHaben denn alle gro\u00dfen M\u00e4nner Nudeln h\u00fcten m\u00fcssen?\u201c fragte ich misstrauisch.<\/p>\n<p>\u201eDie ganz ber\u00fchmten schon\u201c, erwiderte meine Mutter.<\/p>\n<p>\u201eUnd die drei Musketiere?\u201c bohrte ich nach.<\/p>\n<p>\u201eDie allemal!\u201c antwortete ganz ernst meine Mutter. Und fort ging sie.<\/p>\n<p>Als ich so dastand, um die V\u00f6gel abzuschrecken, ging drau\u00dfen auf der Stra\u00dfe Atanas, der Verr\u00fcckte, vorbei. Er watschelte wie eine Ente, schwenkte seinen Korb und schaute mit weit aufgerissenen Augen in die Welt. Atanas schaut sehr gern. Er bleibt zum Beispiel vor einer Blume ste\u00adhen und beginnt, sie zu betrachten. Er schaut und schaut. Unsereiner w\u00e4re an seiner Stelle schon 300-mal weitergegangen, aber er steht und schaut. W\u00e4hrend er die Blume anschaut, kommt ein Schmetterling, umkreist die Blume, ein-, zweimal und landet.<\/p>\n<p>Atanas schaut die Blume und den Schmetterling an. Er schaut so ruhig und langsam, ohne die geringste Eile. Die Schmetterlinge haben keine Angst vor ihm, sie setzen sich unter seine Nase, wenn es sein muss. Atanas ber\u00fchrt nie die Schmetterlinge und die Blumen, die er anschaut.<\/p>\n<p>\u201eAtanas!\u201c rief ich ihm zu, \u201eei, Atanas, was macht die K\u00f6nigin Klara?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSie klaut Klarinetten!\u201c antwortete Atanas, \u201eK\u00f6nig Karl und K\u00f6nigin Klara klauen Klarinetten!\u201c<\/p>\n<p>Solche Sachen lernt er von einem Studenten, der in ihrem Haus zur Unter\u00admiete wohnt.<\/p>\n<p>Der Student wollte ihm noch ganz andere Sachen beibringen, aber Atanas behielt nur diese, weil sie ihm gefielen.<\/p>\n<p>\u201eWohin gehst du, Atanas?\u201c fragte ich ihn.<\/p>\n<p>\u201eZur K\u00f6nigin.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIst sie in Gefahr?\u201c<\/p>\n<p>Atanas winkte mit der Hand, lachte und ging weiter die Stra\u00dfe entlang.<\/p>\n<p>Hinter mir wieherten Pferde. Sie stampften mit ihren Hufen und w\u00fchlten die Erde auf.<\/p>\n<p>Der Boden zitterte vor Ungeduld. Wunderbar jung waren die gr\u00fcnen Bl\u00e4tter des Kirschbaums, aber ich stand da und musste den Nudel\u00adteig bewachen.<\/p>\n<p>\u201eZum Teufel mit dem Nudelteig!\u201c rief ich und warf mich auf das Pferd.<\/p>\n<p>Es schlug hinten aus, wieherte schrill und flog davon zur Burg der K\u00f6nigin.<\/p>\n<p>\u201eHalten Sie aus, Madame\u201c, schrie ich, \u201egleich bin ich zur Stelle.\u201c<\/p>\n<p>Die Pferdehufe knickten Margeriten und Gras, Kornblumen und Fuchs\u00adschwanz. Die M\u00e4hne des Pferdes flatterte. Der Wind pfiff mir um die Ohren. Aus dem nahen Wald schossen pl\u00f6tzlich Reiter des Kardinals her\u00advor und kamen mir entgegen.<\/p>\n<p>\u201eMeine Herren!\u201c rief ich, \u201eob Sie wirklich Herren sind, steht auf einem anderen Blatt, aber damit wollen wir jetzt keine Zeit verlieren. Hier mein Handschuh. Verteidigen Sie sich.\u201c<\/p>\n<p>Mein Spitzenhandschuh sauste durch die Luft und traf eines der Pferde am Ohr. Erschrocken stieg es hoch und warf seinen Reiter ab.<\/p>\n<p>Die anderen Reiter umringten mich.<\/p>\n<p>Degen gl\u00e4nzten in der Sonne. Sporen klirrten. In den Augen der Leute des Kardinals glomm Angst auf.<\/p>\n<p>\u201eEiner nach dem anderen, meine Herren\u201c, rief ich, und der Degen zuckte wie ein Blitz, \u201ejeder bekommt sein Teil. Seien Sie dessen gewiss.\u201c<\/p>\n<p>Die Kreaturen des Kardinals fl\u00fcchteten durch gem\u00e4hte Felder zum Fluss. Ich aber gab meinem Pferd die Sporen und ritt zu der Burg, die sich auf dem H\u00fcgel erhob. Vor dem Tor brach das Pferd schaumbedeckt zusam\u00admen. Ich stieg aus dem Sattel und eilte mit gezogenem Degen die Treppe hinauf. Erschrockene Diener sanken auf die Knie.<\/p>\n<p>\u201eMadame, Sie sind frei!\u201c rief ich. Die K\u00f6nigin, die unter dem gotischen Fensterbogen stand, weinte vor Freude.<\/p>\n<p>\u201eMadame, Sie sind frei!\u201c rief noch eine Stimme. Es war Atanas, der Ver\u00adr\u00fcckte.<\/p>\n<p>Die K\u00f6nigin blickte auf. Ich drehte mich um und sah Atanas neben mir.<\/p>\n<p>\u201eAugenblick, Madame\u201c, sagte ich schuldbewusst, \u201eMoment, sonst sind die Nudeln verloren.\u201c<\/p>\n<p>Die K\u00f6nigin schaute entgeistert drein.<\/p>\n<p>Die H\u00fchner stolzierten \u00fcber den Teig und pickten eifrig. Ich verjagte sie und sagte dann zu Atanas: \u201eUm die Nudeln h\u00e4ttest du dich wenigstens k\u00fcmmern k\u00f6nnen. Die K\u00f6nigin habe ich auch ohne dich befreit.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMadame, Sie sind frei\u201c, sagte Atanas freudig, \u201eich gebe Ihnen mein Ehren\u00adwort!\u201c<\/p>\n<p>Es war zu merken, dass ihm diese Worte gefielen. Er spielte gern mit uns, obgleich er viel \u00e4lter war.<\/p>\n<p>Aber vielleicht stimmte das gar nicht. Er war \u00e4lter, wenn man nach dem Geburtsregister ging. Sonst war er alterslos, die Zeit verging, ohne dass er sich ver\u00e4nderte. Als ob ihn die Zeit nicht bemerke, oder als ob sie und er enge Freunde seien.<\/p>\n<p>Sein Wuchs \u00e4nderte sich nicht, sein Gesicht hatte keine Falten, seine Augen gl\u00e4nzten immer noch wie die eines Jungen.<\/p>\n<p>\u201eDie K\u00f6nigin ist frei, Atanas\u201c, sagte ich, \u201eaber die Nudeln sind verloren. Schau mal, was die Hennen alles aufgepickt haben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie K\u00f6nigin ist frei!\u201c wiederholte Atanas gl\u00fccklich.<\/p>\n<p>\u201eGuten Tag, Atanas!\u201c sagte meine Mutter, die, ohne dass ich es gemerkt hatte, vom Markt zur\u00fcckgekommen war, \u201evon was f\u00fcr einer K\u00f6nigin ist die Rede? Von Klara, der, die immer Klarinetten klaut?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie K\u00f6nigin ist frei\u201c, lachte Atanas, \u201eich gebe Ihnen mein Ehrenwort.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAha\u201c, sagte meine Mutter verst\u00e4ndnisvoll, \u201emein Sohn reitet wieder irgendwo umher, statt auf den Nudelteig aufzupassen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch&#8230;!\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd die Hennen haben den Nudelteig verspeist, als er die K\u00f6nigin be\u00adfreite.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch war nur ganz kurz&#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, die Burg war in der N\u00e4he. Nur zwei Schritt&#8230;\u201c<\/p>\n<p>Ich senkte den Kopf und machte ein Gesicht, das ausdr\u00fccken sollte, wie sehr ich alles bedauerte.<\/p>\n<p>\u201eIm Winter, wenn wir keine Nudeln mehr haben, wirst du gewiss zur K\u00f6ni\u00adgin reiten und sie bitten, uns f\u00fcnf oder sechs Kilo zu geben?\u201c sagte meine Mutter, \u201ewo doch die Burg ganz nahe ist&#8230;!\u201c<\/p>\n<p>Atanas benutzte die Pause, um sich davonzuschleichen. Ich hielt immer noch den Kopf gebeugt und \u00fcberlegte mir, welche Strafe ich diesmal bekommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Ich wusste, dass meine Mutter mir nicht b\u00f6se war. Aber sie sagte zu meinem Vater manchmal, Strafen h\u00e4tten einen erzieherischen Effekt. Und erzogen musste ich werden. Mein Vater nickte bei solchen Erkl\u00e4rungen und schaute drein, als sei er ganz einverstanden. Wenn er sie anschaut, h\u00e4lt das meine Mutter nicht lange aus. Sie explodiert dann vor Lachen.<\/p>\n<p>Ich bem\u00fchte mich, es jetzt wie mein Vater zu machen, aber ich konnte es nicht so gut wie er. Meine Mutter war nicht zum Lachen zu bringen.<\/p>\n<p>\u201eReiten ist ja ganz sch\u00f6n!\u201c sagte sie, \u201eaber wir m\u00fcssen doch im Winter etwas zu essen haben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs ist nichts verloren\u201c, entgegnete ich, \u201ewir essen die Hennen auf, die die Nudeln gefressen haben.\u201c<\/p>\n<p>Meine Mutter lachte, fuhr mir \u00fcber den Kopf und blickte weg, damit man ihre Augen nicht sah. Aber auch, ohne dass ich darauf schaute, wusste ich, dass sie Tr\u00e4nen in den Augen hatte.<\/p>\n<p>\u201eMadame!\u201c sagte ich, um sie zu erheitern, \u201eich werde es schon lernen, auf\u00adzupassen. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.\u201c<\/p>\n<p>Meine Mutter lachte und ging ins Haus.<\/p>\n<p>Ich sprang wieder auf mein Pferd. Diesmal ritt ich zu den Windm\u00fchlen.<\/p>\n<p>Ich wollte gerade aufbrechen, als Gurko, Toni und Atanas, der Verr\u00fcckte, kamen. Auch sie sprangen auf ihre Pferde, und wir ritten gemeinsam zu den Windm\u00fchlen. Wir hatten gerade den \u201eDon Quichotte\u201c gelesen.<\/p>\n<p>Unsere Schilde gl\u00e4nzten in der Sonne. Die Pferde wieherten und flogen \u00fcber staubige Wege. Unsere Ritterspeere ritzten die Luft.<\/p>\n<p>Wir waren sehr zornig auf die b\u00f6sen Riesen ob all ihres Unrechts, dass die Guten leiden mussten und die Schlechten triumphieren konnten, dass man\u00adche viel und andere nichts besitzen, dass die Gerechtigkeit mit Ketten in der H\u00f6hle gefesselt sitzt, w\u00e4hrend die Ungerechtigkeit durch die Welt geht, es viele Menschen mit traurigen Augen und M\u00e4dchen gibt, auf denen ein Zauber liegt, wie auf Dulcinea.<\/p>\n<p>So ritten wir Ende August durch die Felder. Unsere Pferde galoppierten gegen die Riesen. Die winkten bedrohlich mit ihren Fl\u00fcgeln und wuchsen gr\u00f6\u00dfer und gr\u00f6\u00dfer vor uns auf. Aber wir zuckten nicht zur\u00fcck. Unsere Herzen waren voller Zorn und Emp\u00f6rung. Wir waren jung, unsere Augen gl\u00fchten, und unsere H\u00e4nde umklammerten die Lanzen.<\/p>\n<p>August kommt wieder und wieder. Ich schaue auf die Felder. Sie sind leer. Wir sind \u00e4lter geworden, haben geheiratet, wurden gescheiter. Einige von uns sind wirklich bedeutende Leute geworden, obwohl es f\u00fcr sie keine hausgemachten Nudeln mehr gibt, auf die sie aufpassen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Nur Atanas, der Verr\u00fcckte, der ewig jung ist und nie alt wird, dessen Augen immer noch gl\u00e4nzen wie die eines Jungen, reitet immer noch. Er kommt an uns vor\u00fcber und ruft uns zu: \u201eVorw\u00e4rts, Madame, Sie sind frei!\u201c<\/p>\n<p>Wir lachen nur, aber er reitet weiter, in die Felder, zu den einsamen Wind\u00adm\u00fchlen, denn einsam sind sie, ohne uns.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>\u00dcbersetzt von Reni Kitanova und Frederik Hetmann<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Sommer ging zu Ende. Es war August, und meine Mutter rollte Nudel\u00adteig aus. Als sie damit fertig war, brachte sie ihn hinaus, breitete auf dem Hof ein Bettlaken aus und legte den Teig in die Sonne, damit er trockne. Die gelben Teigbl\u00e4tter gl\u00e4nzten im Licht, saugten die Sonne auf und began\u00adnen langsam, sich zusammenzurollen &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/?page_id=507\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\"> &#8220;Die einsamen Windm\u00fchlen&#8221;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":225,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-507","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/507","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=507"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/507\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":608,"href":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/507\/revisions\/608"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/225"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=507"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}