{"id":518,"date":"2018-12-26T05:31:03","date_gmt":"2018-12-26T05:31:03","guid":{"rendered":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/?page_id=518"},"modified":"2019-04-23T15:23:24","modified_gmt":"2019-04-23T15:23:24","slug":"die-kapitane-in-der-bucht-von-biscaya","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/?page_id=518","title":{"rendered":"Die Kapit\u00e4ne in der Bucht von Biscaya"},"content":{"rendered":"<p>Das Schiff schoss durch die Wellen dahin. Alle Segel waren gesetzt. Vom Mast wehte die Totenkopfflagge. Die M\u00f6wen umkreisten schreiend das Schiff und verschwanden hinter dem Horizont.<\/p>\n<p>\u201e\u00c4u\u00dferste Kraft voraus!\u201c rief Toni, \u201ewir m\u00fcssen ihn einholen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAlle Segel sind gesetzt, Sir\u201c, gab Gurko zur Antwort.<\/p>\n<p>\u201eDen letzten Lappen hoch, der sich an Bord findet\u201c, br\u00fcllte Toni, \u201esonst entkommt er uns.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAy, ay, den letzten Lappen hoch\u201c, wiederholte Gurko den Befehl. Toni verschob die schwarze Klappe \u00fcber seinem Auge und schaute nach vom. Die Brecher gingen \u00fcber den Bug des Piratenschiffes. Sie brandeten gegen die geschlossenen Luken, und das Schiff schwankte.<\/p>\n<p>Wir standen auf der Br\u00fccke, Pistolen in den H\u00e4nden. Finster beobachteten wir den Ozean. Vor uns segelte wie ein verschreckter Vogel das Handels\u00adschiff \u201eEduard VII.\u201c. Man konnte die erschreckten Gesichter der Matrosen erkennen und auch die Passagiere, die den Tag verfluchten, an dem sie die\u00adses Schiff betreten hatten. Sie liefen aufgeregt auf dem Deck hin und her und wussten nicht, was tun. Einige sanken auf die Knie und beteten.<\/p>\n<p>Unser Schiff setzte wie ein Raubvogel dem Handelsschiff nach. Die Krallen schwebten schon \u00fcber den ver\u00e4ngstigten Seeleuten. Wir standen l\u00e4chelnd auf der Br\u00fccke und besahen die uns vertraute Szene.<\/p>\n<p>\u201eFertigmachen zum Entern!\u201c befahl Toni.<\/p>\n<p>\u201eAy, ay, Sir. Fertigmachen zum Entern!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie Haken bereit.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAy, ay, Sir, die Haken.\u201c<\/p>\n<p>Die \u201eEduard VII.\u201c unternahm einen letzten verzweifelten Versuch, zu ent\u00adkommen. Sie \u00e4nderte pl\u00f6tzlich ihren Kurs, bog scharf im rechten Winkel ab und steuerte auf den Archipel Taitau zu, der aber noch ungef\u00e4hr 300 Meilen entfernt lag.<\/p>\n<p>Aber auch das half nichts. Wir hatten dieses Man\u00f6ver rechtzeitig erkannt und schnitten ihr den Weg ab. Wir kamen ganz nahe heran und schauten in verzweifelte Gesichter. \u201eEnterhaken bereit!\u201c ert\u00f6nte Tonis Stimme.<\/p>\n<p>\u201eAy, ay, Sir, Enterhaken bereit!\u201c<\/p>\n<p>Die Schiffe waren sich jetzt ganz nahe, und mit Pistolen und Degen in den H\u00e4nden schickten wir uns an, hin\u00fcberzusteigen.<\/p>\n<p>Aber in diesem Augenblick lie\u00df uns eine Frauenstimme innehalten.<\/p>\n<p>\u201eToni\u201c, rief die Stimme, \u201eToni!\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa\u201c, antwortete er, \u201ehier bin ich.\u201c<\/p>\n<p>\u201eGeh Milch kaufen!\u201c rief unten seine Mutter, \u201eauf dem R\u00fcckweg kannst du gleich auch noch zwei Kilo Paprikaschoten mitbringen. Aber pass auf, dass sie dir nicht wieder verfaulte anh\u00e4ngen wie letztes Mal.\u201c<\/p>\n<p>Toni schaute uns mit einem Auge an. Das andere Auge war von der Klap\u00adpe verdeckt.<\/p>\n<p>\u201eKomm jetzt &#8230; ich geb\u2019 dir Geld!\u201c rief die Mutter, \u201ebeeil dich doch. Die L\u00e4den machen bald zu.\u201c<\/p>\n<p>Toni kniff die Lippen zusammen, nahm die Augenklappe ab, und dann ging er einkaufen.<\/p>\n<p>Unterdessen konnte die \u201eEduard VII.\u201c entkommen. Sie segelte jetzt dem Archipel Taitau entgegen.<\/p>\n<p>\u201eWie kann man nur einen Piraten nach Milch schicken!\u201c ereiferte sich Gurko, \u201edas ist mir ein rechter Seer\u00e4uber&#8230; haut ab, weil er zwei Kilo Paprika holen muss.\u201c Gurko war bis jetzt immer nur Zweiter Kapit\u00e4n an Bord. Er h\u00e4tte gern den Ersten Kapit\u00e4n abgel\u00f6st. \u201eUnd sie geben ihm auch noch verfaulte&#8230;\u201c, sch\u00fcrte er die Revolte weiter. \u201eEr aber l\u00e4sst sie sich andrehen! Was f\u00fcr ein Kapit\u00e4n!\u201c<\/p>\n<p>Immer wenn wir Zeit hatten, versammelten wir uns bei Toni auf dem Dach, und von dort ging es hinaus in die weite Welt.<\/p>\n<p>Wir hatten alle B\u00fccher von Emilio Salgari gelesen und \u00fcberhaupt jedes Buch \u00fcber Piraten und Weltreisende, dessen wir habhaft werden konnten. Alles Geld f\u00fcr Schmetterlinge, die wir einem Sch\u00fcler aus den oberen Klas\u00adsen verkauften, legten wir in solchen B\u00fcchern an.<\/p>\n<p>In den B\u00fcchern lernten wir Meere und St\u00fcrme kennen. Wir h\u00f6rten von Se\u00adgelschiffen und Piraten\u00fcberf\u00e4llen. Wir waren schon \u00fcberall herumgekom\u00admen. Wir hatten Fische an der M\u00fcndung des Orange-Flusses gefangen. Wir transportierten Tee auf Dschunken im Chinesischen Meer, und die K\u00fcsten\u00adwacht war hinter unseren Schmugglerbooten her. Aber wir versteckten uns in kleinen Buchten, und erst als sie vorbei waren, segelten wir weiter.<\/p>\n<p>Wir kannten uns auf dem Gelben Meer aus, als sei es unsere Hosentasche. Wir hatten das Kap der Guten Hoffnung umsegelt und hatten Kokosn\u00fcsse in Tahiti an Bord genommen. Wir waren in einen Taifun geraten. Tonnen von Wasser sch\u00fctteten sich \u00fcber uns aus, der Mast und die Rettungsboote gingen \u00fcber Bord.<\/p>\n<p>Eine gro\u00dfe Welle schlug das Steuer ab, und das Schiff trieb hilflos dahin. Die Wellen griffen es, als sei es ein Spielzeug. Es zerbrach in zwei Teile, und wir w\u00e4ren alle ertrunken, wenn nicht in diesem Augenblick Tonis Mutter auf dem Dachboden erschienen w\u00e4re, um nachzuschauen, was los sei, weil wir wie am Spie\u00df schrien, oder eben wie jemand, der am Ertrinken ist und Gott und seine Mutter anruft.<\/p>\n<p>Wir lebten lange auf den Meeren des S\u00fcdens und unter gro\u00dfen Sternen. Wir sahen das Kreuz des S\u00fcdens am wolkenlosen Nachthimmel und bei gelbem Mond. Wir trieben mit Eingeborenenbooten in ruhigen Lagunen. In der weichen Luft wiegten sich schlanke Palmen. Wir h\u00f6rten Geschichten von unbekannten Inseln, die noch auf ihren Entdecker warten, von Liebe und Tod, Hass und Rache.<\/p>\n<p>Toni kam vom Einkaufen zur\u00fcck und legte seine Augenklappe wieder an. Er fragte: \u201eWas ist mit der \u201aEduard VII.\u2018 geworden? Habt ihr sie ent\u00adkommen lassen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eAuf und davon\u201c, antwortete Montscho finster.<\/p>\n<p>\u201eDu musstest ja unbedingt Paprika kaufen\u201c, f\u00fcgte Gurko hinzu.<\/p>\n<p>\u201eWas willst du damit sagen?\u201c fragte Toni mit schneidender Stimme, \u201eist etwa auf diesem Schiff eine Meuterei ausgebrochen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNichts Meuterei. Wir haben gewartet, dass du zur\u00fcckkommst.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs waren ziemlich viele Leute im Laden\u201c, sagte Toni, \u201e\u00fcbrigens habe ich Ilia gesehen. Er stand nach Milch an.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWarum hast du ihn nicht gerufen?\u201c fragte Montscho.<\/p>\n<p>\u201eIch habe ihn gerufen\u201c, sagte Toni, \u201eaber er musste noch Brot holen, und danach hat er noch andere Arbeiten zu erledigen.\u201c<\/p>\n<p>Die Kinder in der Stra\u00dfe gaben alles daf\u00fcr, zu Toni auf den Dachboden kommen zu d\u00fcrfen, um von dort in die weite Welt zu fahren.<\/p>\n<p>Ilia war mit auf Walfang ins Nordmeer gefahren. Das Meer war wild. Es schneite. Das Schiff stampfte. Wir hatten keine Kohlen mehr. Da verbrann\u00adten wir die Verschalungen, die T\u00fcrpfosten, die Bettgestelle und \u00fcberhaupt alles, was sonst noch an Bord aus Holz war. Das Packeis nahm uns in die Zange. Wir konnten uns mit dem Schiff nicht mehr bewegen. Einen ganzen Winter lang waren wir eingeschlossen. Hunger und K\u00e4lte machten uns schwer zu schaffen.<\/p>\n<p>Vielleicht, dass Ilia da Angst bekommen hatte. Aber vielleicht war ihm auch bei der Pr\u00fcgelei in Hongkong bange geworden. Dort lagen wir mit der \u201eSanta Maria\u201c im Hafen. Es gab eine Schl\u00e4gerei, die man so leicht nicht vergisst. Es waren ein paar Norweger, die anfingen, aber mit der Zeit waren alle Seeleute, die sich zu dieser Zeit in der Pinte aufhielten, darin ver\u00adwickelt. St\u00fchle flogen, Messer blitzten. Es gab gro\u00dfes Geschrei, und so mancher Kiefer wurde zerquetscht.<\/p>\n<p>Ilia fuhr immerhin noch ein-, zweimal mit uns&#8230; nach Hawaii und nach Java. Aber dann blieb er fort, bekam Angst vor dem Risiko. Vielleicht war er auch eine Landratte. Ich wei\u00df es nicht. Jedenfalls kam er nicht mehr. Es mag wohl daran gelegen haben, dass er nicht genug von Emilio Salgari gele\u00adsen hatte, und in den anderen B\u00fcchern brannte nicht dasselbe verlockende Feuer.<\/p>\n<p>Bestimmt war er eben eine Landratte, und einmal w\u00fcrde ein Angestellter aus ihm werden, der acht Stunden in einem staubigen B\u00fcro hockte oder in einem Laden hinter der Theke stand und Hartk\u00e4se oder Sonnenblumen\u00f6l verkaufte.<\/p>\n<p>\u201eDa ist er. Er geht unten vorbei\u201c, verk\u00fcndete Montscho. Ilia f\u00fchrte die Ziege seiner Eltern durch die Stra\u00dfe und pfiff vor sich hin.<\/p>\n<p>\u201eHe Ilia\u201c, riefen wir, \u201ewohin gehst du denn mit der Ziege? Komm doch zu uns rauf!\u201c<\/p>\n<p>\u201eGeht nicht\u201c, rief er zur\u00fcck, \u201eich bring\u2019 sie in den Garten. Sie muss gra\u00adsen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch was\u201c, riefen wir aus dem Fenster, \u201elass doch die Ziege sausen. Wir fahren in die Bucht von Biscaya&#8230; h\u00f6rst du: in die Bucht von Biscaya!\u201c Ilia winkte uns zu, pfiff weiter und zog seine Ziege hinter sich her zum Garten. Und wir stachen in See&#8230;<\/p>\n<p>Eines Tages, zwanzig Jahre sp\u00e4ter, traf ich zuf\u00e4llig Ilias Mutter in der Stra\u00ad\u00dfenbahn.<\/p>\n<p>\u201eGuten Tag!\u201c gr\u00fc\u00dfte ich sie, \u201eWie geht es Ilia?\u201c<\/p>\n<p>\u201eOh, es geht ihm gut\u201c, antwortete sie, \u201edu wei\u00dft doch, er f\u00e4hrt zur See. Ir\u00adgendwo in der Biscaya treibt er sich jetzt gerade herum. Ganz genau wei\u00df man es nie.\u201c<\/p>\n<p>Ilia war Dritter Kapit\u00e4n auf einem Schiff. Er fuhr auf dem weiten Meer, sah Sonnenunterg\u00e4nge. Voriges Jahr sei er in Japan gewesen, erz\u00e4hlte seine Mutter, Postkarten habe er ihr geschickt, vom Gelben Meer, von Korallen\u00adinseln, von S\u00fcdseearchipelen mit Palmen. Aber jetzt schwimmt er in der Bucht von Biscaya&#8230;<\/p>\n<p>Und wir sitzen in B\u00fcros, bringen die Registratur in Ordnung, und abends, ehe wir heimgehen, laufen wir noch \u00fcber den Markt und holen Zwiebeln und Kartoffeln f\u00fcr unsere Frauen.<\/p>\n<p>Nur manchmal abends, wenn wir das Geschirr abgewaschen und die Fliegen aus der K\u00fcche verjagt haben, f\u00e4llt unser Blick zuf\u00e4llig auf den Sternenhim\u00admel drau\u00dfen, und wir erinnern uns an das Kreuz des S\u00fcdens und an die Bucht von Biscaya, an die endlosen Str\u00e4nde, an Liebe, Tod, Hass, Rache, an die unbegrenzten Weiten des Ozeans. Dann k\u00fcssen wir dem\u00fctig unsere Frauen auf die Stirn, sagen \u201eGute Nacht\u201c und versinken in tiefe Tr\u00e4ume.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>\u00dcbersetzt von Reni Kitanova und Frederik Hetmann<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Schiff schoss durch die Wellen dahin. Alle Segel waren gesetzt. 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