{"id":539,"date":"2018-12-26T06:07:55","date_gmt":"2018-12-26T06:07:55","guid":{"rendered":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/?page_id=539"},"modified":"2019-04-23T15:31:37","modified_gmt":"2019-04-23T15:31:37","slug":"weder-lieder-noch-hufschlag","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/?page_id=539","title":{"rendered":"Weder Lieder noch Hufschlag"},"content":{"rendered":"<p>Die Geschichte hat nur goldene Seiten. Auf einer davon steht der Satz, der noch heutigentags als Schulbeispiel f\u00fcr lakonische K\u00fcrze gilt und die Menschheit begei\u00adstert:<\/p>\n<p>Ich kam, sah und siegte.<\/p>\n<p>Aber die Menschheit wei\u00df nicht, wie er zustande kam.<\/p>\n<p>Ein ber\u00fchmter Feldherr &#8211; seinen Namen habe ich verges\u00adsen &#8211; zog in die Schlacht. Allein.<\/p>\n<p>Sein Heer zog nicht mit. Es hatte zwar den Befehl dazu erhalten; die Richtung war angegeben und auch, in wieviel Reihen vorgegangen werden und aus wieviel Reitern jede Abteilung bestehen sollte. Das alles wusste das Heer, aber es r\u00fchrte sich trotzdem nicht von der Stelle. Und zwar deshalb nicht, weil es nichts hatte, womit es h\u00e4tte losziehen k\u00f6nnen. Es waren keine Pferde da.<\/p>\n<p>Vordem waren wohl welche dagewesen, aber die hatte das Heer aufgegessen, aus Mangel an anderer Kost.<\/p>\n<p>Daran fehlte es n\u00e4mlich wegen gewisser Missst\u00e4nde beim Tross und in der Versorgung.<\/p>\n<p>Es hatte sich herausgestellt, dass der schwer mit Nah\u00adrungsmitteln und Wein beladene Tross, der gew\u00f6hnlich einen halben Tag den Truppen nachfolgte, pl\u00f6tzlich weg war.<\/p>\n<p>N\u00e4heres wusste niemand. Die Geschichte erkl\u00e4rt die Sa\u00adche als eine historische Notwendigkeit. Das behauptet die Geschichte, aber nach dem, was b\u00f6se Zungen in jener Zeit erz\u00e4hlten, war die Notwendigkeit doch nicht ganz so histo\u00adrisch.<\/p>\n<p>Kurz und schlicht gesagt, hatte der Nachschubhaupt\u00admann die Versorgungsbasis irgendwohin beiseite geschafft und alle Nahrungsmittel samt dem Wein verkauft, worauf er mit dem erzielten Geld viele Jahre ein ehrbares, geachtetes Leben f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Aber die b\u00f6sen Zungen machen nicht die Geschichte. Dort liest man auf vielen Seiten allenfalls was von ausge\u00adschnittenen Zungen. Dar\u00fcber hinaus spielen die Zungen in der Geschichte keine Rolle.<\/p>\n<p>Der Feldherr ritt also auf seinem Ross f\u00fcrbass; die Sonne schien, und er war ganz allein, nur begleitet von seinem Schatten.<\/p>\n<p>Er wandte sich nicht zur\u00fcck. Ein Feldherr wendet sich niemals zur\u00fcck. Er schaut nur vorw\u00e4rts, und die anderen folgen ihm.<\/p>\n<p>So verfuhr auch dieser Feldherr, aber schlie\u00dflich kam ihm die Sache doch merkw\u00fcrdig vor, da er hinter sich weder Lie\u00adder noch Hufschlag h\u00f6rte.<\/p>\n<p>Da lie\u00df er sein Pferd einen gro\u00dfen Bogen laufen und ritt in die andere Richtung abermals vorw\u00e4rts, ohne zur\u00fcckzu\u00adblicken.<\/p>\n<p>Nun spornte er sein Reittier, ohne sich umzudrehen, bis er seine Truppen erreichte. Dort befasste er sich damit, sei\u00adnen Untergebenen ins Hirn zu pr\u00e4gen, dass sie ihm auf jeden Fall zu folgen h\u00e4tten. Pferde seien eine zeitweilige Erschei\u00adnung, erkl\u00e4rte er, heute g\u00e4b\u2019s welche, morgen nicht, sie aber h\u00e4tten die Pflicht, jederzeit hinter ihm zu sein.<\/p>\n<p>Inzwischen verlor der Feind die Geduld, das hei\u00dft, er wurde nerv\u00f6s. Und als sein Nervensystem schon v\u00f6llig durcheinander war vom Warten und vom Zweifel dar\u00fcber, ob die gegnerischen Horden noch kommen w\u00fcrden oder nicht &#8211; da kamen sie. Und zwar zu Fu\u00df.<\/p>\n<p>Eben dieser Umstand aber brachte den Feind vollends aus dem Konzept.<\/p>\n<p>Wie denn auch nicht &#8211; da versagt doch jegliche Strategie: Man erwartet eine Reiterei, man hat sich Pl\u00e4ne f\u00fcr einen Angriff auf die Flanke ausgearbeitet, und auf einmal kommt ein Haufen zu Fu\u00df, es sind keine Pferdeflanken zu sehen und auch kein richtiges Zentrum. Kann man denn mit so was k\u00e4mpfen?<\/p>\n<p>Trotzdem unternahm der Feind eine verzweifelte Attacke &#8211; was blieb ihm auch anderes \u00fcbrig? Und wer wei\u00df, was ge\u00adschehen w\u00e4re, h\u00e4tte der Feind in seiner Nervosit\u00e4t und Verwirrung nicht nach halbst\u00fcndigem Kampf einen fatalen Feh\u00adler begangen &#8211; er zog sich n\u00e4mlich an den Rand des Schlachtfeldes zur\u00fcck und begann dort einen Streit in den eigenen Reihen.<\/p>\n<p>Jeder beschuldigte jeden, alle nannten sich gegenseitig Verr\u00e4ter und Idioten, weil niemand den schlauen Schach\u00adzug des Gegners, zu Fu\u00df anzur\u00fccken, vorausgesehen hatte. Am Ende gingen sie mit ihren Piken aufeinander los, und ein Teil ergab sich.<\/p>\n<p>So endete die Schlacht. Es kam die Zeit der Berichterstat\u00adtung.<\/p>\n<p>Jeder, selbst der Ber\u00fchmteste, muss von Zeit zu Zeit einen Bericht erstatten. Manchmal nur formell, manchmal auch wirklich, aber es muss sein. Wegen der Illusion.<\/p>\n<p>Auch unser Feldherr gab genau Rechenschaft. Er berich\u00adtete von dem verschwundenen Tross und davon, dass die Truppe zu Fu\u00df in die Schlacht ziehen musste und sich kaum auf den Beinen halten konnte, dass die Elitelegion\u00e4re die Kampfstatt schn\u00f6de verlassen h\u00e4tten, und auch von allem \u00fcbrigen.<\/p>\n<p>Er erw\u00e4hnte auch den fatalen Fehler des Gegners.<\/p>\n<p>Zwanzig Papyrusrollen schrieb er voll.<\/p>\n<p>Nun muss ja jedes Organ und jede Pers\u00f6nlichkeit, der man Rechenschaft gibt, ebenfalls wieder Rechenschaft able\u00adgen &#8211; sei es vor dem Volk, vor sich selbst oder vor der Geschichte.<\/p>\n<p>So bereiteten die Pers\u00f6nlichkeiten oder Organe &#8211; oder was immer es damals gab &#8211; den Rechenschaftsbericht des ber\u00fchmten Feldherrn zur Weiterverwendung vor.<\/p>\n<p>Die Sache mit dem Tross &#8211; es w\u00e4re unangenehm, einen solchen Vorfall breitzutreten. Immerhin tragen wir die Ver\u00adantwortung vor der Geschichte. Der Nachschubhauptmann ist ein Schuft, aber doch einer von uns. Wir haben ihn schlie\u00dflich auf diesen Posten gesetzt.<\/p>\n<p>Die Elitelegionen &#8211; nun ja, sie sind ausgerissen, das h\u00e4tte jeder andere in diesem Stadium auch getan. Aber kann man denn so die Geschichte schreiben, unsere Elitelegionen seien geflohen?<\/p>\n<p>Das Verhalten des Gegners &#8211; er hat einen fatalen Fehler gemacht, das ist wahr. Aber so dargestellt, hat er sich ja selbst besiegt. Wo bleibt da die patriotische Erziehung, und was wird man von unseren Truppen denken?<\/p>\n<p>Eine \u00e4hnliche Behandlung erfuhren auch alle anderen Punkte.<\/p>\n<p>Und so blieb f\u00fcr die Geschichte nur der historische Satz: Ich kam, sah und siegte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>\u00dcbersetzt von Hartmut Herboth<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte hat nur goldene Seiten. 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