{"id":545,"date":"2018-12-26T06:16:30","date_gmt":"2018-12-26T06:16:30","guid":{"rendered":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/?page_id=545"},"modified":"2019-04-24T05:14:22","modified_gmt":"2019-04-24T05:14:22","slug":"eines-morgens","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/?page_id=545","title":{"rendered":"Eines Morgens"},"content":{"rendered":"<p>Petrow trank den letzten Schluck seines Morgenkaffees, k\u00fcsste seine Frau und ging zur T\u00fcr. Er wollte zur Arbeit.<\/p>\n<p>An der Schwelle blieb er stehen, betastete seinen Anzug und fasste auch in die Manteltasche.<\/p>\n<p>\u201eWas suchst du?\u201c fragte seine Frau.<\/p>\n<p>\u201eMeine Meinung ist nicht da\u201c, erwiderte Petrow, w\u00e4h\u00adrend er weiter seine Kleidung abklopfte. \u201eWo hab ich sie blo\u00df hingesteckt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas ist denn dort drin?\u201c Seine Frau deutete auf eine Beule seiner Jacke.<\/p>\n<p>\u201eMein Taschentuch\u201c, antwortete Petrow. \u201eWo habe ich blo\u00df diese Meinung gelassen?\u201c<\/p>\n<p>Er kehrte alle Taschen um, sah auch in der Aktentasche nach, warf einen Blick auf die Garderobenhaken &#8211; nichts.<\/p>\n<p>\u201eSie ist nicht da\u201c, sagte er. \u201eWei\u00dft du, wo sie sein k\u00f6nnte?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch hab sie nicht gesehen.\u201c Seine Frau sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eSchon lange nicht. Such doch noch mal.\u201c<\/p>\n<p>Petrow durchforschte erneut alle Taschen, fand aber nichts. Die Meinung blieb verschwunden.<\/p>\n<p>\u201eWarte mal.\u201c Seine Frau runzelte die Stirn. \u201eDas letzte Mal hattest du sie vergangenes Jahr mit, im Januar, als ihr den Plan aufgestellt habt. Wo hast du sie danach hin\u00adgelegt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, da hatte ich sie nicht mit\u201c, widersprach Petrow. \u201eIch bin doch nicht verr\u00fcckt und gehe mit meiner Meinung zur Plandiskussion.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa&#8230;\u201c, sagte Frau Petrowa. \u201eDann hattest du sie, glaube ich, als ihr ins Ministerium gerufen wurdet. Ich erinnere mich, damals hast du sie auch gesucht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAusgeschlossen.\u201c Petrow sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eIns Mini\u00adsterium geht niemand mit seiner Meinung. Da gen\u00fcgt die Zustimmung. So was ist \u00fcberhaupt nicht \u00fcblich, ins Ministe\u00adrium eine Meinung mitzunehmen. Damals habe ich sie nicht anger\u00fchrt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber wo soll sie denn sein?\u201c sagte seine Frau. \u201eSie kann doch nicht verschwinden, sie war ja immer irgendwo.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWar, war\u201c, sprach Petrow, \u201eaber jetzt ist sie weg.\u201c<\/p>\n<p>\u201eKomisch\u201c, sagte seine Frau, \u201ewo k\u00f6nnte diese bl\u00f6de Meinung hingeraten sein?\u201c<\/p>\n<p>Sie \u00fcberlegte, versuchte sich zu erinnern, wo ihr Mann in der letzten Zeit gewesen war und ob er dorthin die Meinung mitgenommen hatte.<\/p>\n<p>\u201eH\u00f6r mal\u201c, sagte sie, \u201emir f\u00e4llt was ein. Du hattest sie ein\u00adgesteckt, als dieser Simeonow entlassen wurde, den euer Ge\u00adneraldirektor nicht mochte, weil er irgendwelche Reformen einf\u00fchren wollte und entsprechende \u00c4u\u00dferungen getan hat. Wei\u00dft du das nicht mehr?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDoch\u201c, erwiderte Petrow, \u201edas wei\u00df ich noch sehr gut, aber da hatte ich sie auch nicht mit. Wir sollten ja nur den Beschluss unterst\u00fctzen, eine Meinung wurde nicht verlangt. Ich erinnere mich, bei der Gelegenheit kann ich sie nicht ver\u00adloren haben.\u201c<\/p>\n<p>Seine Frau ging zum Kleiderschrank und \u00f6ffnete ihn.<\/p>\n<p>\u201eOb sie vielleicht bei deinem Mitgliedsbuch steckt?\u201c mut\u00adma\u00dfte sie. \u201eDu hast sie doch sonst immer bei den Dokumen\u00adten aufbewahrt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa\u201c, best\u00e4tigte Petrow. \u201eAber einmal habe ich sie rausge\u00adnommen, und wo sie dann geblieben ist, das wei\u00df ich nicht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWozu brauchst du sie eigentlich jetzt so dringend?\u201c fragte Frau Petrowa, nachdem sie bei den Familienpapieren nachgesehen und die Meinung auch dort nicht gefunden hatte. \u201eWarum f\u00e4llt sie dir gerade jetzt ein? Du gehst doch zur Arbeit. Da sagst du einfach, du h\u00e4ttest sie zu Hause ver\u00adgessen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSicher, aber wenn ich sie nun verloren habe?\u201c entgegnete Petrow. \u201eWas dann?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNa wennschon\u201c, erwiderte seine Frau. \u201eDu brauchst sie ja sowieso nicht. Es ist sogar besser so.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber ganz ohne Meinung kommt man doch nicht aus\u201c, sagte Petrow. \u201eWom\u00f6glich wird sie mir irgendwo mal ab\u00adverlangt, und dann bin ich blamiert. Es gibt auch solche F\u00e4lle.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch was\u201c, sprach seine Frau. \u201eWir leben auch so ganz gut.\u201c<\/p>\n<p>\u201eTrotzdem, trotzdem\u201c, sagte Petrow. \u201eWenn ich wenig\u00adstens w\u00fcsste, wo sie ist! So geht das doch nicht. Es ist nicht in Ordnung.\u201c<\/p>\n<p>Seine Frau nahm sich erneut den Kleiderschrank vor und durchsuchte noch einmal alles.<\/p>\n<p>\u201eDa ist sie ja!\u201c rief sie pl\u00f6tzlich. \u201eIn deinem alten Mantel hast du sie gelassen, den du schon seit zwei Jahren nicht mehr tr\u00e4gst!\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber ja, nat\u00fcrlich!\u201c erinnerte sich Petrow. \u201eIch war im vorvorigen Winter irgendwo mit ihr, seitdem hatte ich sie v\u00f6llig vergessen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd ich hatte den Mantel in die Reinigung gegeben\u201c, fiel es Frau Petrowa ein. \u201eHoffentlich hat ihr das nicht ge\u00adschadet.\u201c<\/p>\n<p>Sie betrachtete die Meinung von allen Seiten, blies den Staub und die Fusseln ab und reichte das gute St\u00fcck ihrem Mann.<\/p>\n<p>\u201eSie ist in Ordnung\u201c, sagte sie. \u201eWie neu.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNa klar\u201c, antwortete Petrow. \u201eIch habe sie ja kaum ge\u00adbraucht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu hast noch Gl\u00fcck\u201c, erkl\u00e4rte seine Frau. \u201eIch wollte den Mantel gerade auf den Boden schaffen, weil du ihn doch nicht mehr anziehst.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch habe ja meinen neuen\u201c, sagte Petrow. \u201eMeinen Pelzmantel.\u201c<\/p>\n<p>\u201eBewahre deine Meinung k\u00fcnftig an einem besseren Ort auf\u201c, riet seine Frau. \u201eIn einer Schachtel oder bei den Doku\u00admenten. Leg sie ins Sparbuch, da ist es am sichersten.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, das tue ich\u201c, erwiderte Petrow. \u201eSonst suchen wir sie eines Tages wieder.\u201c<\/p>\n<p>Er steckte die Meinung in seine Brieftasche, k\u00fcsste seine Frau auf die Stirn und verlie\u00df das Haus.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>\u00dcbersetzt von Hartmut Herboth<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Petrow trank den letzten Schluck seines Morgenkaffees, k\u00fcsste seine Frau und ging zur T\u00fcr. Er wollte zur Arbeit. 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