{"id":554,"date":"2018-12-26T06:38:25","date_gmt":"2018-12-26T06:38:25","guid":{"rendered":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/?page_id=554"},"modified":"2019-04-24T05:14:44","modified_gmt":"2019-04-24T05:14:44","slug":"durch-die-lupe-betrachtet-vergroserung-einer-momentaufnahme","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/stanislavstratiev.org\/library\/?page_id=554","title":{"rendered":"Durch die Lupe betrachtet &#8211; Vergr\u00f6\u00dferung einer Momentaufnahme"},"content":{"rendered":"<p>Die Ein\u00f6de ist unvorstellbar.<\/p>\n<p>Riesige steinerne H\u00e4nge, kahl und staubig, verlassene Steinbr\u00fcche, aufge\u00adw\u00fchlte Wege, umherliegender Schotter, Unkraut.<\/p>\n<p>Abgeholzte W\u00e4lder ringsherum.<\/p>\n<p>Verbrannte, vom Superphosphat wei\u00dfgef\u00e4rbte Erde.<\/p>\n<p>Ausgetrocknete Brunnen.<\/p>\n<p>Verlassene St\u00e4lle, eingefallene Scheunen, leerstehende Wirtschaftsgeb\u00e4ude. Mit Brettern vernagelte Fenster in den H\u00e4usern.<\/p>\n<p>In zwei Meter hohem Distelgestr\u00fcpp versunkene Bauernh\u00f6fe mit verfallenen Steinmauern.<\/p>\n<p>Unter den B\u00e4umen &#8211; der faulige Geruch von halbverrottetem Fallobst. Ein hin\u00adkender Hund dr\u00fcckt sich an den Zaun und wartet, dass wir vor\u00fcbergehen.<\/p>\n<p>Staubwolken, Fliegen, verdorrte Weiden, weit und breit kein Mensch. Im aus\u00adgetrockneten Flussbett treiben sich alte Autoreifen herum, kaputte Plastikkani\u00adster, ein demolierter Kinderwagen, entrindete Baum\u00e4ste &#8211; wei\u00df wie Knochen, die schon seit der Sintflut hier liegen.<\/p>\n<p>Zwischen den Autoreifen und den zerschlagenen T\u00f6pfen taumeln ganz verst\u00f6rt, wie von der Sonne gestochen und mit v\u00f6llig irrem Blick G\u00e4nse umher, stolpern \u00fcber den Unrat und \u00fcber ihre Erinnerung an Wasser. Unbeweglich stehen Esel da, bis an die Knie im Dreck versackt. Durch die leere T\u00fcr\u00f6ffnung der Dorf\u00adb\u00e4ckerei kann man die auf dem Ladentisch sprie\u00dfenden Mirabellenb\u00e4umchen sehen.<\/p>\n<p>Eine wildernde Katze huscht an uns vorbei.<\/p>\n<p>Das Vorh\u00e4ngeschloss des einzigen Ladens hier ist mit f\u00fcnfzehnj\u00e4hrigem Rost \u00fcberzogen.<\/p>\n<p>Das D\u00f6rfchen liegt zig und aber zig Kilometer von der n\u00e4chsten Stadt entfernt, verbannt in diese H\u00f6lle, abgeschnitten von aller Welt. Brot, Milch, Wurst, Zeitungen &#8211; all das kommt zweimal im Monat mit einem Holzgas-Auto.<\/p>\n<p>Dr\u00fcckende Schw\u00fcle liegt \u00fcber dem ver\u00f6detem Dorf, nur zwei, drei alte M\u00fctter\u00adchen sitzen vor den Steinmauern und werkeln. Sie f\u00e4deln ein und f\u00e4deln aus, sie wickeln auf und wickeln ab, ihre H\u00e4nde stehen nicht still.<\/p>\n<p>Ihr ganzes Leben haben sie nicht stillgestanden, sie k\u00f6nnen einfach nicht innehalten.<\/p>\n<p>Zwischen den zerfressenen Holzmasten h\u00e4ngen zerfetzte elektrische Dr\u00e4hte. Auf den D\u00e4chern der H\u00e4user wachsen Sonnenblumen.<\/p>\n<p>Die Sonne sch\u00fcttet ihre Glut herab.<\/p>\n<p>Nichts bewegt sich, kein Windhauch geht, weder Mensch noch Teufel sind in diesem mitten in der Steinw\u00fcste eingeschlossenen D\u00f6rfchen anzutreffen.<\/p>\n<p>Vor der verriegelten B\u00fcrgermeisterei steht \u00fcber den ganzen Zaun in gro\u00dfen halbverwaschenen roten Buchstaben: \u201eAmi go home!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>\u00dcbersetzt von Mechthild Sch\u00e4fer<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ein\u00f6de ist unvorstellbar. 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